Ideenwettbewerb

16. November 2007

Bei der flott organisierten Bürgerversammlung am Mittwochabend in der Bundeswehrkantine auf dem Areal der ehemaligen ScharnhorstKaserne sind kaum zukunftweisende, moderne Ideen formuliert worden. Innovativ waren nur wenige Ankündigungen wie zum Beispiel, das funktionierende Heizkraftwerk künftig als Blockheizkraftwerk zu betreiben (OB Pott, Stadtbaurat Lisiecki), sowie die Idee eines Reuschbergers, einen Mittelpunkt in dem langgezogenen Stadtteil zu schaffen und die „Panzer“-Brücke über die Ems auch für die Erschließung zu nutzen, nicht nur für Fußgänger und Radfahrer. Mir fiel auch auf, dass von Gewerbenutzung und neuen Arbeitsplätzen überhaupt nicht gesprochen wurde – von einer künftigen Gaststätte im ehemaligen Offiziersheim an der Ems einmal abgesehen.

Enttäuscht war ich von den vielen sehr traditionellen Vorschlägen für die künftige Nutzung der 35 ha Kasernengelände, die die Grundstücks- und Erschließungsgesellschaft der Stadt im Sommer erworben hat. Sind die innenstadtnahen Flächen nicht zu wertvoll, um sie in 500qm große Einfamilienhausgrundstücke zu parzellieren? Ist die Emsbrücke für die Erschließung Reuschberges nicht zu vorteilhaft, als sie nur von Radfahrern und Fußgängern nutzen zu lassen? Müssen wirklich erst einmal die Bagger vieles abreißen, im Zweifel auch intakte Gebäude? Reicht es, gut zwei Dutzend ausgewählte Stadtplaner zu beauftragen, Wettbewerbsarbeiten beizubringen?

Gut gemeint ist eben nicht schon gut gemacht: Wer für die kostbaren Flächen so Herkömmliches vorschlägt wie etwa die Verantwortlichen des Bürgervereins wird –trotz allen Einsatzes für Reuschberge- sicherlich keinen Nahversorgermarkt nach Reuschberge bekommen und auch keinen guten Busdienst; denn dann gibt es allenfalls 500 neue Bewohner in Reuschberge und die reichen dafür nicht aus. Wer die Emsbrücke nicht für Radfahrer, Fußgänger und Kraftfahrzeuge nutzt, verschenkt ihren Nutzen zu einem wesentlichen Teil. Wer erst mal abreißt, ohne zu wissen, was kommt, vernichtet nicht nur Werte sondern verschenkt Chancen. Wer keinen offenen städtebaulichen Wettbewerb durchführt, nutzt die Vielfalt, Schaffenskraft, Anregungen und Vorstellungen der Planer und Architekten nicht im möglichen Maße.

Meine jetzigen Vorstellungen betreffen vier Punkte:

1. Bitte nicht allein auf das Kasernengelände sehen! Es kann nämlich darüber hinaus eine städtebauliche Ost-West-Achse entstehen, die vom alten Truppenübungsplatz über die Emsbrücke, das Kasernengelände mit einem Stadtteilmittelpunkt und das östliche Reuschberge in den Bereich das Hafengeländes, des Bögen-Gebietes in die Innenstadt reicht. Zwischen Gelgöskenstiege und dem Dortmund-Ems-Kanal wäre diese Achse zurzeit unterbrochen, und es sind Ideen gefragt, wie sie hier umgesetzt werden kann. Eine neue Brückenverbindung über den Kanal sollte ein Unikat und ein weit über die Stadt hinaus strahlender stadtgestalterischer Höhepunkt sein.

2. Bitte nicht holterdipolter abreißen! Denn eine Gemeinbedarfsnutzung (schreckliches Wort für eine gute Sache) muss Platz finden, zusammen mit individueller Wohnbebauung (nachhaltiger als z.B. im Gauerbach). Dazu können die Turnhallen, die Kantine, das Heizwerk und weitere Gebäude dienen – etwa solche, die erst vor kurzem nach dem Konzept „Kaserne 2000“ modernisiert worden sind und geradezu nach einer Wohnnutzung zB durch Studenten der FH und der Berufsakademie schreien. Daneben können sicherlich auch Senioreneinrichtungen entstehen im „Ems-Auen-Park“ (O-Ton OB Pott).

3. Bitte Arbeitsplätze schaffen und nicht ausgrenzen! Es ist doch greifbar: Gewerbe und damit Arbeitsplätze müssen auf dem ehem. Kasernengelände entstehen. Denn eine ganze Reihe der leer stehenden Immobilien sind solide und bieten Platz für expandierende Unternehmen und Existenzgründer, ohne dass dies Millionen kosten muss wie etwa beim (sinnvollen) IT-EL, und es bleibt trotzdem noch genügend Raum für Grün und Natur.

4. Bitte viele Profis fragen! Die künftige Nutzung und Gestaltung kann nur nach einem großen, europaweit ausgeschriebenen städtebaulichen Wettbewerb entschieden werden. Dabei gehören (Ost-West-Achse !) das Areal der Scharnhorst-Kaserne und der Bereich Alter Hafen gemeinsam in diesen offenen Wettbewerb. Die Arbeiten von nur 30 Büros (hier schon ein Vorschlag aus dem Internet), die Stadtbaurat Lisiecki jetzt fragen will und von denen dann vielleicht nicht einmal alle mitwirken, sind zwar für die Bauverwaltung leichter zu bearbeiten aber doch zu wenig, um eine auf Jahrhunderte einmalige Entwicklungschance wirklich zu ergründen und zu nutzen. Macht einen offenen Ideenwettbewerb!

Reuschberge… – nein, besser: Lingen braucht Ideen.