Fair

17. Oktober 2009

wiebke-kethorn-09-10„Ein Unentschieden ist im Handball ein besonderes Ergebnis. Es ist deswegen so besonders, weil eine Menge Tore fallen und sich am Ende selten alles ausgleicht. Es ist wie ein Kubus, der auf der Kante stehen geblieben ist: Eine Kleinigkeit genügt, um das Spiel zu entscheiden.
Hätte Wiebke Kethorn (Foto lks) an jenem Mittwochabend im März den Ball ins leere Tor geworfen, dann hätte ihre Mannschaft, der VfL Oldenburg, die Partie gegen den HC Leipzig vielleicht gewonnen. Der VfL hätte am Ende der Saison vielleicht einen Punkt mehr gehabt und damit zum ersten Mal die Bundesliga-Playoffs erreicht. Aber Kethorn entschied sich gegen das Tor. Sie brach den Angriff ab und legte den Ball zu Boden. Das Spiel endete 24 : 24, und zum Saisonende reichte es nicht für die Runde der besten vier.
Warum warf Kethorn nicht? Aus Fairness: Die gegnerische Torfrau war zuvor vom Ball im Gesicht getroffen worden und am Boden liegen geblieben. „Es wäre kein faires Tor gewesen“, sagt Kethorn. Die Mitspielerinnen meckerten, aber die Deutsche Sporthilfe wusste die Geste zu schätzen: Sie hat der 24-Jährigen aus Nordhorn gestern in Hamburg den „Preis für Toleranz und Fair Play“ verliehen.
Sie sei sich damals sofort sicher gewesen, die richtige Entscheidung zu treffen, sagt Kethorn. Bereut habe sie das nie. „Ich glaube fest daran, dass man auch mit fairen Mitteln seinen Weg gehen kann.“
In diesem März wurde Kethorn in die Nationalmannschaft berufen, nun hofft sie auf einen Platz im Kader, wenn es im Dezember dieses Jahres zur Weltmeisterschaft nach China geht. „Ich bin sehr ehrgeizig“, sagt sie. Ein Ehrgeiz, der nie zwanghaft wurde. Wenn sie über ihren Sport spricht, gerät Kethorn schnell ins Schwärmen. Sie plappert und lacht und klingt rasch ein bisschen atemlos. In ihrer Jugend spielte sie auch in der niedersächsischen Fußballauswahl, hat sich aber dann für Handball entschieden: Weil mehr Tore fallen, mehr passiert. „Ich kann nie stillsitzen“, sagt Kethorn.
Sie mag den Kampf, will gewinnen, aber sie will am Ende auch wissen, dass sie wirklich die Bessere war. „Ein Sieg macht nur Spaß, wenn man fair gespielt hat.“ Und das ist keine bloße Floskel, sondern eine Überzeugung Kethorns jenseits von Erfolgsdruck und Geld.
Sie weiß aber auch, dass andere da anders denken. Als sie nach jener Partie im März vom Spielfeld lief, war sie auf Vorwürfe gefasst. „Mensch, macht mich jetzt nicht fertig wegen der Szene“, raunte sie den wartenden Journalisten zu, noch ehe diese den Mund aufmachten. Es ist letztlich anders gekommen. Viele Mitspielerinnen, die sie zum Wurf gedrängt hatten, entschuldigten sich im Nachhinein. Auch Trainer Leszek Krowicki stellte sich hinter sie: „So eine faire Geste. Ich wette, 99 Prozent aller Handballer hätten geworfen“, sagt er. Die verpassten Playoffs hat Kethorn niemand zum Vorwurf gemacht. Im Fußball wäre das vielleicht anders gewesen.“

Das schreibt heute CARINA BRAUN in der taz (Nordausgabe). Unsere Lokalpresse hat offenbar die Auszeichnung der Nordhorner Handballnationalspielerin übersehen. Denn nichts über die faire Sportlerin und ihre hoch verdiente Ehrung lese ich in der – von mir bekanntlich bisweilen gescholtenen – Lingener Lokalpresse. Die palavert statt dessen breit über eine wenig souverän wirkende Presseerklärung des taumelnden, 100jährigen TuS Lingen. Immerhin gab es für den aber gestern einen wichtigen 3:0 Erfolg. Doch Wiebke Kethorn hat mir deutlich mehr imponiert…

(Foto: © VfL Oldenburg)

Sofa

29. Mai 2009

UdojuergensWie von mir angekündigt, gab es die erwartete Ratssitzung. Gestern hat der Lingener Stadtrat alles so  abgesegnet, wie es die CDU mehrheitlich beschlossen hat. 29,5 Mio Euro für eine Emslandarena an der Hedon-Klinik plus Grundstück. Geradezu mit Inbrunst argumentierte unser lieber Oberbürgermeister, wie illegal die Nutzung der Emslandhallen am jetzigen Standort ist und wie schrecklich es ist, dass Udo Jürgens in Nordhorn auftreten muss, weil Lingen keine 2.500 Hallensitzplätze bieten könne. Und die ganze (!) CDU applaudierte – also auch die CDU-internen Gegner des Projekts- und dann war die SPD dafür, weil sonst Lingen genau so eine provinzielle Stadt „wie Haselünne oder Meppen“ werde, und auch die FDP erging sich in Elogen an die Adresse des so mutig handelnden Oberbürgermeisters Pott.

Es gab zwei Neinstimmen zu dem Projekt. Michael Fuest (Bündnis ‘90/Die Grünen) und, naja, Sie wissen schon. Ich bin nämlich  davon überzeugt, dass die ganze B214-Planung ein falscher Weg ist, der auf der Unwahrheit aufbaut, der Betrieb der Emslandhallen sei zu laut und damit „rechtswidrig“; deshalb sei ein Arena-Umbau nicht möglich.

Nebenbei: Schon die dazu auch gestern wieder von OB Heiner Pott und seinem Stadtbaurat Lisiecki verbreitete Lärm-These stimmt nicht, dass sich Lärm bei 3 dB  Zunahme vom subjektiven Empfinden her verdoppele. Wikipedia weiß es besser: „Nach übereinstimmenden wissenschaftlichen Untersuchung wird eine Erhöhung um 10 dB als Verdopplung der Lautstärke empfunden.“

Dass es nicht um Veranstaltungslärm geht, ergibt sich bereits daraus, dass die neue Halle schalldicht erstellt wird. Es geht damit lediglich  um den Lärm der an- und abreisenden Besucher. Es geht um 650 Parkplätze auf dem Kirmesplatz. Der notwendige Rest von 850 Stellplätzen steht dann an der Berufsakademie, der Halle I/II des ehem. Ausbesserungswerks, am Emslandstadion und in den Parkgaragen im Stadtzentrum ungenutzt bereit, wenn Abends Veranstaltungen stattfinden. Und mit polizeilicher Hilfe kann jeder Veranstaltungsverkehr vom Kirmesplatz binnen 20 Minuten abfließen.

Worum geht es also wirklich? Nun es geht  erst einmal um die Unfähigkeit der Verwaltungsspitze, den denkbaren Einspruch des direkten Nachbarn und Kaufmanns Bernhard van Lengerich auszuräumen. Der hat nicht vergessen, welche Schwierigkeiten ihm die Stadt Lingen (Ems) in den 80er und 90er Jahren gemacht hat und wehrt sich jetzt. Zweitens muss aber mit dem Arena-Projekt in diesem Jahr begonnen werden, sonst stehen die 5 Mio Euro aus dem Konjunkturprogramm nicht zur Verfügung, das Geld ist futsch und die Vertreter der Stadt Lingen (Ems) haben sich richtig schön blamiert. Wegen van Lengerich ist dies nach Ansicht der Rathausspitze nicht möglich. Also muss irgendeine Alternative her. Deshalb ist übrigens inzwischen auch die FDP für Laxten, schließlich hat sich FDP-Mann Jens Beeck für die 5 Mio aus dem Konjunkturtopf engagiert. 

Ein zweiter  Kritikpunkt kommt hinzu:
Die Planungen gründeten sich bisher auf eine Machbarkeitsstudie der Fa Wenzel Consulting GmbH aus dem Mai 2008 „zur Ertüchtigung der Emslandhallen“ und deren Zahlen. Die Herren empfahlen seinerzeit eine Variante mit 5000 Sitzplätzen (Kürzel „Variante B – Ausbaustufe 3″) mit 5000 Sitzplätzen. Die Wenzel-Experten setzten dafür Kosten von 19 Mio Euro an. Bei der Arena in Laxten sind es für 3500 Sitzplätze inzwischen 25 Mio Euro plus 4,5 Mio Euro Steuern plus Grundstück. Das sind nicht mehr 3500 Euro pro Sitzplatz sondern 8500 Euro pro Sitzplatz. Ein wesentlicher Grund sind die enormen Aufwendungen für Parkplätze.

Hinzu kommen laufende Bewirtschaftungskosten von rund 1,1 Mio Euro pro Jahr, das sind 20 Euro pro Einwohner im Jahr; die Einnahmen aus dem Betrieb der Arena kann man dabei nicht gegenrechnen. Sie  werden allemal für die Kreditkosten verbraucht.  Zum Vergleich: Für ihre gesamte kommunale Kulturarbeit wendet die Stadt zurzeit  rund 25 Euro pro Einwohner und Jahr auf.  Zudem ist die Rechnung nicht ganz klar: Denn Wenzel-Consulting rechnete vor Jahresfrist mit Bewirtschaftungskostenvon 3,50 Euro pro Besucher und kalkulierte angesichts der Synergieeffekte in den Emslandhallen mit 300.000 Besuchern pro Jahr. OB Pott hat auf der Bürgerversammlung im Gauerbach von 50-60 Veranstaltungen pro Jahr  in der 3500-Plätze-Emslandarena in Laxten gesprochen. Bei ehrlicher Betrachung dürften die Besucherzahlen also deutlich unter 300.000 pro Jahr liegen. Selbst bei voller Auslastung des Arenalein in Laxten käme man nämlich nicht auf 300.000 Besucher.  60 x 3500 sind nicht 300.000 . Rechnen Sie mal nach. Es geht nicht ganz auf … ;-)

Meine Schlussfolgerung: Das Konzept am falschen Platz ist schlicht zu teuer und nicht finanzierbar.  Und wenn in der 150.000-Einwohner-Großstadt Osnabrück zeitgleich der Plan für eine Veranstaltungsarena scheitert, weil das Geld eben nicht reicht, sollte Lingen genau nachrechnen und nachdenken, bevor es wegen je 5 Mio Euro Zuschuss von Onkel Hermann aus Meppen und Onkel Christian aus Hannover ein finanzpolitisches Wagnis eingeht. 

Mein Vorschlag bleibt die „Ertüchtigung der Emslandhallen“ am bisherigen Standort mit dem bisherigen Veranstaltungsmix und hin auf neue Veranstaltungsformen – so wie es die Experten von Wenzel Consulting erarbeitet haben und so wie es der Stadtrat am 3. Juli 2008 beschlossen hat. Allerdings muss dazu unser Heiner Pott auf’s Sofa von Nachbar Bernhard van Lengerich, Käffchen trinken und verhandeln, und das will oder kann er nicht. 

Leute, sonst wird es zu teuer! Zu den dann drohenden Folgen habe ich im Internet jetzt schon dies gefunden:

Domain erwerben

Sie können die Domain emslandhallen-lingen.de kaufen!

 

 

Rumänien

26. Januar 2008

Die Diskussion um die Schließung des Bochumer Nokia-Werkes beherrscht in diesen Tagen die Medien. Besonders empört es die Menschen, dass für die umstrittene Werksverlegung nach Rumänien möglicherweise EU-Gelder geflossen sind. „Die EU-Kommission hat ausdrücklich erklärt, dass Nokia für das Werk in Rumänien keine Förderung aus den EU- Strukturfonds erhalten hat. Unklar ist allerdings noch, inwiefern das Unternehmen indirekt von Vor-Beitritts-Hilfen für Rumänien profitiert hat“, sagte Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) dem Münchner Merkur. „Wir haben die zuständige EU-Kommissarin Hübner hierzu schriftlich um rasche Aufklärung gebeten“, bestätigte der Minister der Zeitung. 

Es ist sicherlich ein Skandal, wenn der Wegfall von weit mehr als 2000 Stellen in Bochum von der EU gefördert würde, weil man die Neuansiedlung des Werkes in Rumänien mitfinanziert. Allerdings ist dies kein Einzelfall und solche Abwerbungen spielen sich nicht nur im internationalen Rahmen hat – sondern auch hier bei uns zuhause. So wirbt die Gemeinde Wietmarschen-Lohne seit Jahren Betriebe in Lingen und Nordhorn ab, um sie rund um die Autobahn anzusiedeln. Für diese egoistische und volkswirtschaftlich schädliche  Ansiedlungspolitik werden Subventionen aus Steuergeldern gezahlt und der Wietmarscher Gemeindedirektor Eling  lässt sich für seine „erfolgreiche Ansiedlungspolitik“ öffentlich feiern.

Seit Jahren fordere ich immer wieder die Zusammenarbeit der Region und einen Pakt der Kommunen und Gemeinden, um endlich die Abwerbungen zu beenden. Darauf angesprochen hat der Lingener Oberbürgermeister Heiner Pott (CDU) vor drei Jahren ablehnend lediglich gesagt: „Was (Wietmarschen-)Lohne nutzt, nutzt auch Lingen!“ Wer aber die Lingener Betriebe nach Wietmarschen abziehen sieht, dann die Menschen zählt, die diesen Betrieben folgen, und ausrechnet, welche Auswirkungen dies auf die Infrastruktur in Lingen hat, weiß, dass das ganz und gar nicht stimmt.