Debatte II

26. Oktober 2008

In der Wochenendausgabe der Frankfurter Rundschau hat der Architekt und Städtebauer Christoph Mäckler, einer der Großen seines Faches in Deutschland, Aussagen zur aktuellen Stadtentwicklung gemacht, die mich an Lingen und die weiter zunehmende Schieflage erinnern. Mäckler sagt:

In den 70er Jahren hat sich die Disziplin der Stadtplanung von der Architektur getrennt. Heute wissen wir: So geht das nicht. Stadtplanung ist ein organisatorisches Hilfsinstrument, das konkrete stadträumliche Inhalte und architektonisches Gestalten benötigt. Wir müssen Straßen und Plätze stadträumlich entwerfen, sonst entsteht keine Stadt, in der man sich wohl fühlt. Man lässt die Gestaltung der Stadt aber völlig außen vor, oder glaubt dieses Thema mit Stadtmöblierung erledigen zu können.

FR: Die Städte wachsen. Woran sollen sie sich orientieren – städtebaulich wie architektonisch?

Das Instrumentarium der Stadtplanung muss durch Städtebau, die architektonisch-städtebauliche Gestalt, ergänzt werden. Dann erst werden wir wieder gestaltete Städte haben. Und das ist genau das, was die Bevölkerung in Deutschland überall fordert. Wenn einige fordern, wir wollen unsere Altstadt wieder haben, dann ist das auch ein Hilferuf.

Der Lingener Stadtbaurat, der eine Vision davon hatte, wie die Lingener Innenstadt funktionieren und aussehen sollte, war Nikolaus Neumann. Hochbauarchitekt Neumann hat folgerichtig das Lingener Stadtbild im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts gestaltet und geprägt. Also das getan, was -zugespitzt gesagt- heute ungezügelte Werbefuzzis machen. Wirtschaftliche „Notwendigkeiten“ setzten ihm Grenzen. Aber seit seiner faktischen Abwahl sitzen auf seinem Posten, fast möchte ich sagen nur noch, Stadtplaner. Sie sehen, wie mir einmal ein Architekt zugespitzt sagte, „unsere Stadt nur von oben“. Ihnen fehlt bei den Entscheidungen zu oft das, was Mäckler fordert, Straßen und Plätze stadträumlich zu entwerfen, und daher reduzieren sie sie auf neue Straßenmöblierung, auf Magnolien-statt-Platanen und wehende Werbefahnen vor historischen Gebäuden. Der jetzige Stadtbaurat beispielsweise sagte schon früh, die Innenstadt sei zum Wohnen nicht geeignet. Vielseitige Nutzung durch bauliche Verdichtung findet nicht statt. So denkt man dann eben im Rathaus mehr über neue Einfamilienhaussiedlungen in Baccum, Biene, und Bramhar nach als über die schwierige Entwicklung und Sanierung von Innen- und Kernstadtquartieren.

Mäckler zeigt in seinem FR-Gespräch auf, was für eine lebendige Innenstadt wichtig ist:

Ich muss die Stadt insgesamt denken. In Europa ist das einfach, weil unsere Städte auf historischen Grundrissen aufgebaut sind. … Wir müssen die Innenstädte erst mal verdichten. Man muss beispielsweise den … städtischen Raum ergänzen – mit vernünftigen Läden, Wohnungen und mit einem ausgeprägten Einzelhandel. Dann wird dieser Bereich auch wieder belebt sein. Die Menschen wollen sich wohl fühlen – in ihrem städtischen Raum, wie in ihrem Wohnraum. Der städtische Platz ist das Wohnzimmer der Stadt! Dafür gibt es seit Jahrhunderten Kriterien…. Daran müssen wir uns wieder orientieren!

und er ergänzt:

Ich muss den Stadtraum gestalten, unabhängig von den unterschiedlichen Gesellschaftsschichten. Alle Menschen wollen gestaltete Räume haben. Jeder gestaltet ja auch sein privates Wohnzimmer. In der Stadt sorgt der sozialpolitische Aspekt dafür, dass diese Räume lebendig sind. Hier ist politisches Handeln gefragt. So sollten wir beispielsweise Einkaufszentren soweit wie möglich von uns fern halten und dem Einzelhandel die Chance geben, sich in der Stadt entwickeln zu können. Nehmen Sie die (erg. Frankfurter) Braubachstraße: Dort kann der Einzelhandel bestehen, weil er der Stadt Miete zahlt. In bestimmten Bereichen der Stadt sollten die Erdgeschoss-Mieten eingefroren sein. Nehmen Sie die toten spiegelverglasten Erdgeschosse der Mainzer Landstraße (erg.: in Frankfurt). Die Stadt hat diesen Straßenraum in eine sehr schöne Allee verwandelt, doch ohne Läden mit bezahlbaren Mieten wird da niemals städtisches Leben einziehen. Das Erdgeschoss eines Hauses muss als Teil der Stadt verstanden werden.

Ok,ok ! Ich lese schon Ihre skeptischen Gedanken. Richtig! Lingen ist nicht Frankfurt. Aber Mäckler sprich tnicht nur über seine Stadt sondern allgemein über die Stadt. Also übertragen wir seine Gedanken aufunser kleines Lingen und zwar für den Kernbereich an Burgstraße und Pferdemarkt. Über diese vier-fünf Hektar Innenstadt wird seit Jahrzehnten lamentiert. Der Versuch, eine Versorgermarkt-Konkurrenz zu etablieren, ist mit dem ehemaligen Coop und dem Bauernmarkt zwei Mal großartig gescheitert. Um so mehr eignet sich das Areal für einen „Neustart“, zumal sich die Probleme mit dem Umzug fast aller dort ansässigen Ärzte in die neue  Medizin-Mall erheblich verstärken und er wirklich fast zur Hinterlage verkommt.  

Für den notwendigen städtebaulichen Impuls muss die Stadt jetzt sorgen: Ich stelle mir Grunderwerb vor, einen (städtebaulichen?) Wettbewerb der Ideen, eine Projektgesellschaft, die die Gedanken dann auch realisiert, klare wirtschaftliche „Erdgeschoss-Strukturen“ (Mäckler) und Wohnungen. Verdichtung eben. Natürlich müssen dabei die beiden Hermänner ins Boot: Hermann Bröring, dessen Museum eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung hat, und Hermann Klaas, dem große Teile ungenutzter Flächen gehören. Am Ende eines solchen Weges muss und wird  “städtisches Leben einziehen“ (noch mal Mäckler). 

Um dies zu erreichen, muss die Stadt aktiv sein, gestalten wollen und die Dinge in die Hand nehmen. Das bloße Zuwarten auf die Kräfte des (Pferde-)Marktes reicht jedenfalls nicht.

[...]

6. Februar 2008

Meine allmorgendliche „Lingener Tagespost“ berichtet heute über die neuerliche Kritik der Sozialdemokraten an der Genehmigungspraxis für das Ärzte-Zentrum („Medizin-Mall“) am Konrad-Adenauer-Ring, wo ein überdimensionierter Gebäudekomplex ohne das gesetzlich vorgesehene Bauleitverfahren nach Gutsherrenart genehmigt worden ist, – nachdem zunächst die Stadt das Grundstück zum halben Einkaufspreis weiterveräußert hat.Der Bericht hat insofern etwas besonderes, als er offiziell das Aus- und Weglassen in die Berichterstattung einführt. Nachdem vor 20 Jahren der damalige LT-Chef Hans Brinkmann seine, oft in das Mysterium des Ungesagten führenden Abschlussgedanken durch ein „…“ andeutete, finde ich heute gleich drei Mal im Bericht ein [...].Ich hab mich gefragt, warum die LT nicht alles Kritische in dieser Stadt gleich auf seinen, nach LT-Ansicht berichtenswerten Kern reduziert, nämlich [...].Wer trotzdem ungekürzt die SPD-Erklärung lesen will, schaut hierhin.

Bedarf

1. Februar 2008

In der letzten Sitzung des Lingener Planungs- und Bauausschusses haben verschiedene Kollegen den Stadtbaurat Lisiecki wegen der fehlenden Anliegerbeteiligung beim Bau des Ärztezentrums („Medizin-Mall“) am Konrad-Adenauer-Ring kritisiert. Die von dem Großprojekt direkt betroffenen Anlieger an der Mühlentorstraße hatte weder der Bauherr noch die Stadtverwaltung beteiligt. Sie mussten erst den Osnabrücker Fachanwalt für Verwaltungsrecht Hermann Roling engagieren, bevor sich die Stadtverwaltung ihrer Anliegen annahm. Roling handelte schließlich einen Kompromiss mit dem Bauherrn des Ärztezentrums aus: geringere Bauhöhen, größere Abstände, keine Aufstockung.

Dies stellte Stadtbaurat Lisiecki reichlich blumig als „Optimierung“ des Bauvorhabens dar und als etwas, das er und seine Mannen im Rathaus erreicht hätten. Zu Unrecht, wie mir Hermann Roling sagte, den ich einfach während der Sitzung anrief. Das Unwahrhafte in der Äußerung Lisieckis hat mich empört und dabei ist mir die Bedeutung einer Äußerung Lisieckis entgangen. LT-Redakteur Burkhard Müller zitiert sie teilweise in seinem Artikel so:
 

… betonte der Stadtbaurat, dass die Nachbarschaftsbeteiligung obligatorisch sei, aber das „Wann und Wie“ durch die Verwaltung geregelt werde.

Lisiecki hat in dem Zusammenhang sich noch pointierter ausgedrückt. Die Verwaltung („Wir“) könne, meinte er sinngemäß, „nicht bei jedem Bauvorhaben in der Stadt“ die betroffenen Nachbarn beteiligen. „Da hätten wir viel zu tun!“, setzte er hinzu.

Ich meine, es gibt nach dieser Äußerung Beratungs- und Handlungsbedarf: Der Rat muss den Verwaltungsleuten, die damit offenbar Probleme haben, auf die Finger schauen, wenn sie so selbstherrlich agieren wie Baurat Lisiecki. Der Rat muss für die Nachbarbeteiligung bei Bauvorhaben Regeln aufstellen – gerade über das „Wann und Wo“. Für das Zusammenleben innerhalb einer Stadt ist eine solche politische Vorgabe wichtig. Mit den Nachbarn zu reden, wenn man dauerhaft etwas verändert, ist ja keine Gnade sondern doch in einem zivilisierten Gemeinwesen nur selbstverständlich. Nun denn: Das wird nicht ganz einfach sein, weil die Verwaltungsleute natürlich Zeter und Mordio schreien werden, wie sie es in solchen Fällen immer tun. Sie werden fälschlich sofort behaupten, dass der Rat für solche Regeln nicht zuständig sei. Und ich sehe die Gefahr, die CDU wird einmal mehr mit Emphase erklären, man brauche derlei Regeln nicht, denn man wolle doch der Verwaltung „vertrauen“ – aber versuchen sollten wir es doch. Denn „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“.

Medizin-Mall

24. Oktober 2007

Es wird aller Voraussicht nach in Lingen bald eine „Medizin-Mall“ geben. 30 Arztpraxen (21 davon mit „Kassenzulassung“), einiges mehr und ein Parkhaus werden am Konrad-Adenauer-Ring gegenüber vom Jugendzentrum gebaut.  

Gleich mehrere Argumente sprechen aber gegen dieses Vorhaben:Zunächst ist der Standort nicht optimal. Gespräche, eine ähnliche Konzentration im Bereich des Pferdemarktes zu schaffen und darin auch Pflegedienste zu integrieren, sind auch am Nein der beteiligten katholischen Kirche gescheitert. Diese Planung hätte den Vorteil gehabt, dort vorhandene Arztpraxen einzubeziehen. Durch die dem Vernehmen nach bevor stehende Verlagerung der Apotheke am Pferdemarkt und gleich mehrerer Arztpraxen aus dem Ärztehaus am Pferdemarkt in die neue Medizin-Mall wird sich das allgemein beklagte Strukturproblem in der Burgstraße deutlich verschärfen. Daneben werden am neuen Standort die Reste der so genannten „Stadtgrabenpromenade“ den Neubau nicht überleben. Die hier noch mögliche Freilegung des historischen Stadtgrabens ist endgültig perdú. 

Dass das Projekt sozusagen hopplahopp, also ohne planerische Abwägung in einem Bebauungsplanverfahren errichtet wird, verstärkt die Kritik. Geplant sind ein massiver Baukörper mit angrenzender 150-Plätze-Parkgarage. Ein solch großer Komplex, der die bisherige Maßstäblichkeit des Quartiers sprengt, kann nur nach einem abgeschlossenen Bauleitplanverfahren verantwortet werden. Das übrigens wäre längst abgeschlossen, hätte die CDU im Jahr 2004 die – bei aller Bescheidenheit von mir angestoßene – SPD-Initiative aufgegriffen, für das ganze Quartier zwischen Kivelingstraße/Mühlentorstr/Adenauer-Ring/Zum neuen Hafen eine solche planerische Neuordnung vorzunehmen. Dann könnte auch den gestalterischen Auswüchsen des geplanten Neubaus eine Gestaltungssatzung entgegen gestellt werden. 

Was außerdem gar nicht geht: Der Neubau wird aus Steuergeldern in eheblicher Höhe subventioniert. Ein Vergleich: Der Quadratmeterpreis für die voll erschlossene Fläche liegt 30% unter (!) dem für kommunale Wohnbaugrundstücke in Altenlingen. Das Grundstück wird halb so teuer veräußert, wie es vor einigen Jahren bezahlt worden ist. Der damals gezahlte Kaufpreis war übrigens durchaus marktgerecht und nicht „überteuert“, wie die, einmal mehr beflissene LT zu behaupten wusste. 6000 qm in bester Innenstadtlage werden jetzt mit 600.000 Euro Preisnachlass subventioniert. Das mag man tun, wenn man dies politisch für richtig hält. Nicht nur ich habe allerdings mehr als Zweifel, ob diese kommunale Wettbewerbsverzerrung in der lokalen Gesundheitsbranche wirtschaftlich sinnvoll und rechtlich in Ordnung ist. Wenn sich ein Konkurrent bei der richtigen Stelle beschwert, dürfte es jedenfalls für die Investoren ein finanzielles Problem geben. In jedem Fall aber muss das Grundstück zum Verkehswert veräußert und die geleistete Subvention offenim städtischen Haushalt ausgewiesen werden, bevor sie gegengerechnet wird. Das traut sich die Ratsmehrheit nicht.

Medizinisch bedeutet das Projekt das Ende des bestehenden Ärzte-Netzwerks in Lingen, und es bedroht die bevor stehende Praxis-Konzentration vor allem die Fachärzte außerhalb des Stadtzentrums. Es wundert mich daher, dass vor allem die Ratsvertreter aus den Ortsteilen so kritiklos das Projekt unterstützen. 

Ach ja, eine ganze Reihe von Medizinern beteiligt sich an dem Vorhaben nur deshalb, weil man ihnen sozusagen die Pistole auf die Brust setzte. Sinngemäß hieß es: „Du kannst mitmachen, wenn nicht, nehmen wir einen anderen und Du bekommst Konkurrenz.“ Falsch ist allerdings die Behauptung, ohne ein Ja würde die Medizin-Mall „in Nordhorn“ oder gar „in Meppen“ entstehen; das nämlich scheitert schon an der erforderlichen Zulassung als Vertragsarzt der Krankenkassen, den 21 von 30 Ärzte für die Mall nur für den Bereich Lingen haben. Ob die Information zutrifft, dass per Saldo auch gar keine neuen Arbeitsplätze geschaffen werden, sondern viele wegfallen, kann ich nicht beurteilen. 

Das Vorhaben ist also insgesamt fragwürdig. Ich kann ihm für Lingen nicht viel Positives abgewinnen.