Kein Schwein

28. Juli 2009

THW KielLingen als Mekka des Handballsports? Angesichts des gequälten Erstliga-Endes der HSG Nordhorn-Lingen mag man es sich kaum vorstellen. Aber die „Kieler Nachrichten“ wissen mehr:

„Aus dem THW-Trainingslager in Lingen

Lingen - Für den THW Kiel beginnt der Dienstag mit Haferbrei. Co-Trainer Ole Viken hat sich dieses Frühstück für die Handballer gewünscht. „Das ist optimal für die Verdauung. Haferbrei macht den Weg frei.“ Im Hotel „Zum Märchenwald“ in Lingen an der Ems wird dem Rekordmeister, der hier seit Sonnabend sein Trainingslager absolviert, jeder Wunsch erfüllt.

Der größte Unterschied zwischen klassischen Gästen und einer professionellen Sportmannschaft? „Wir dürfen kein Schwein servieren, und das Essen muss ganz pünktlich auf dem Tisch stehen. Schließlich haben die Jungs ein strammes Programm“, weiß Maria Veldscholten. „Aber wenn ich nicht gewusst hätte, dass es Stars sind, hätte ich es nicht gemerkt.“

Die 52-Jährige leitet mit Ehemann Heinrich (60) das Familienunternehmen, das rund drei Kilometer vom Zentrum der 60000-Einwohner-Stadt Lingen entfernt liegt. „Sie sind alle unglaublich höflich. Und bei dieser Disziplin wundert es mich nicht, dass sie so erfolgreich sind.“ Als sie vor zehn Tagen die Anfrage aus Kiel per E-Mail erhielt, dachte sie zunächst an einen Betriebsausflug des Technischen Hilfswerkes (THW). Mit Sportmannschaften hat die Familie Veldscholten, die 1954 mit einer Einraum-Gaststätte den Grundstein für ihr 86-Betten-Hotel legte, wenig Erfahrung. Lediglich die Rhein-Neckar Löwen waren hier vor einem Punktspiel gegen die HSG Nordhorn einmal abgestiegen. Dagegen sind Gäste wie Heino, die Wildecker Herzbuben oder Tokio Hotel, die in der nahen Emslandhalle auftreten, keine Seltenheit. Von der bekanntesten deutschen Rockband bekam Maria Veldscholten aber nur wenig mit. „Die waren völlig abgeschirmt, da gab es nicht einmal ein Autogramm.“

Viel Zeit blieb den Veldscholtens, die eher im Kegelsport beheimatet sind, nicht, um ihr Drei-Sterne-Hotel auf die Bedürfnisse des Handballmeisters umzustellen. Aber mit Schiebewänden trennten sie den Gastronomiebereich so ab, dass die Kieler nun über einen eigenen Videoraum verfügen. Den Saunabereich im Keller darf der THW exklusiv nutzen, hier haben die Physiotherapeuten, Uwe und Sebastian Brandenburg, ihre Liegen aufgebaut. „Wir sind stolz darauf, dass der THW unser Gast ist“, sagt Maria Veldscholten.

Die Trainingshalle, in der täglich ab neun Uhr Koordinationsübungen auf dem Plan stehen, ist nur knapp dreihundert Meter entfernt. Da die Dreifachturnhalle der Friedensschule in den Sommerferien eigentlich geschlossen ist, hat Alfred Gislason mit seinem Team hier Exklusivrechte. Dazu passt, dass Hausmeister Wolfgang Barenkamp gerade seinen dreiwöchigen Urlaub abgeschlossen hat. Der 49-Jährige kennt aus dem THW-Kader zwar nur Peter Gentzel, der jahrelang im benachbarten Nordhorn das Tor der HSG gehütet hat. „Aber für Lingen ist es eine Ehre, dass die Kieler hier sind. Ich stehe ihnen rund um die Uhr zur Verfügung.“

Noch hat es sich im Emsland nicht herumgesprochen, dass hier prominente Gäste Station machen. Vor der Halle standen gestern nur drei Kinder, die Autogramme sammeln wollten. Das wird sich aber morgen ändern, wenn der THW in seiner Trainingshalle gegen den Zweitligisten TV Emsdetten antreten wird. Der Veranstalter rechnet damit, dass das Spiel mit 600 Zuschauern ausverkauft sein wird.“

Foto © Uwe Paesler, Kiel (Ich bedanke mich bei Uwe Paseler für die Erlaubnis, sein Foto der THW-Mannschaft beim Training im Wald am Lingener Kiesberg veröffentlichen zu dürfen)

Hurra

23. Mai 2009

halloZur HSG Nordhorn-Lingen (und damit zum leider auch andernorts aktuellen, längst nicht nur sportlichen  Lingener Abstiegs-Thema)  informiert die Süddeutsche Zeitung heute ihre Leserinnen und Leser. Die Betonung liegt bei „informiert“. Hier der Artikel im Wortlaut:

Ein letztes Hurra

Nach dem Europacup-Finale kommt für Nordhorns Handballer der insolvenzbedingte Abstieg

Nordhorn/Kiel – Diese Woche haben die HSG Nordhorn-Lingen und der THW Kiel ein Testspiel gegeneinander bestritten. Offiziell handelte es sich dabei um eine Partie des drittletzten Bundesligaspieltags, aber Kiels 38:27-Sieg war nicht mehr von Bedeutung. Die Kieler sind längst Meister, während die insolventen Nordhorner in die zweite Liga zwangsabsteigen müssen. Insofern waren alle gedanklich schon beim Wochenende, an dem für beide Teams der finale Höhepunkt einer aufregenden Saison ansteht. Kiel empfängt am Sonntag zum Hinspiel des Champions-League-Finals den Titelverteidiger Ciudad Real aus Spanien. Nordhorn spielt im Europapokal der Pokalsieger am Samstag zunächst daheim gegen Pevafersa Valladolid, ebenfalls aus Spanien. Außerdem gastiert der VfL Gummersbach in seinem ersten Europacup-Finale seit 26 Jahren im EHF-Pokal am Samstag bei Gorenje Velenje in Slowenien. Wie im Vorjahr sind deutsche Mannschaften in drei Europapokal-Endspielen vertreten. Doch die Erfolgsbilanz wird getrübt. Während Kiel weiter mit Korruptionsvorwürfen kämpft, endet in Nordhorn eine zehnjährige Ära.

1999 sind die Emsländer in die Bundesliga aufgestiegen, ein Jahrzehnt später müssen sie wieder hinunter in die zweite Liga. „Das bitterste daran ist“, sagt Kapitän Maik Machulla, „dass hier eine Mannschaft absteigt, die intakt ist und hervorragend spielt.“ Der Grund für die guten Leistungen freilich ist, dass eine Mannschaft zusammengestellt wurde, die schon im Herbst nicht mehr bezahlt werden konnte. Zunächst bedurfte es dazu der Hilfe des Nachbarorts Lingen, der als Gegenleistung ein Teil des Namens wurde. Trotzdem musste am 9. März über die mit 1,9 Millionen Euro verschuldete Spielbetriebsgesellschaft das Insolvenzverfahren eröffnet werden. Damit stand der Zwangsabstieg fest. „Die Endspiele gegen Valladolid sind unsere letzten großen Spiele für lange Zeit“, prophezeit Machulla, 32, der in der kommenden Saison Spielertrainer wird. Er hat bis jetzt erst einen Mitspieler sicher. Nicky Verjans hat ebenfalls unterschrieben. Mehr steht noch nicht fest, nicht einmal die Zweitliga-Lizenz. Für sie muss die neue Gesellschaft bis Juni Sponsorenzusagen bestätigen. „Ich weiß überhaupt nicht, wo unser Weg hingeht“, sagt Machulla.

Die Sorgen der Nordhorner Handballer ziehen sich durch die vergangenen Jahre. Es heißt, so pünktlich wie jetzt vom Insolvenzverwalter hätten die Spieler ihr Geld noch nie erhalten. Machulla aber lässt nichts kommen auf den Strippenzieher und ehemaligen Manager Bernd Rigterink. „Er hat hier alles aufgebaut“, sagt der Handballer über den Spediteur, „da hat jetzt keiner das Recht, ihn auszubooten.“ Lingens Oberbürgermeister Heiner Pott hatte allerdings unmissverständlich einen „Neubeginn im sportlichen Management“ gefordert. Um die Rolle von Rigterink, gegen den die Staatsanwaltschaft Osnabrück unter anderem wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung ermittelt, hat sich ein Streit entfacht. Machulla sagt, Rigterink sei in die Planungen für die kommende Saison in beratender Funktion bereits einbezogen.

Am 1. Juli beginnt die neue Saison, aber gewiss ist bislang nur die Auflösung des alten Teams. In Holger Glandorf (Lemgo), Peter Kuckucka (Schaffhausen) und Erlend Mamelund (Flensburg-Handewitt) sind drei Spieler bereits fort. Nach der Saison wird wohl auch nahezu der komplette Rest verschwinden. Steffen Weinhold wechselt zum TV Großwallstadt, Tobias Karlsson zur SG Flensburg-Handewitt und der Trainer Ola Lindgren als Coach zu den Rhein-Neckar-Löwen nach Mannheim. „Das ist keine einfache Situation“, sagt Lindgren über Höchstleistungen im Niedergang. Trotzdem hat er es zuletzt geschafft, die Mannschaft zu starken Vorstellungen zu animieren. „Ohne das Europacup-Finale“, sagt er, „wäre das schwer geworden.“ Von den jüngsten sechs Spielen hat Nordhorn nur jenes gegen Kiel verloren. „Wir wollen die unschöne Saison mit einem Pokalsieg beenden“, sagt Torwart Peter Gentzel, der nach acht Jahren zum THW Kiel wechselt. Länger als er war in Nordhorn nur der Trainer. Lindgren war zwischen 1998 und 2003 Spieler und ist seitdem Trainer.

Immerhin sieben Jahre hält es nun auch schon Kapitän Machulla aus. Er wertet die Langzeit-Engagements als Indiz für gute Arbeit und für gute Atmosphäre. Auch die Fans haben ihren Klub nicht verstoßen. Das Euregium ist stets voll, auch am Samstag, wenn die Nordhorner nach dem EHF-Cup 2008 ihren zweiten Europapokal gewinnen wollen. Aber was kommt danach? „Unser Ziel ist, in die Bundesliga zurückzukehren“, sagt Machulla, „bloß wann, das ist die Frage.“  Ulrich Hartmann

Die SZ-Überschrift passt gut zur aktuellen Lingener Kommunalpolitik. Das finanzielle Wagnis  für eine Arena kann in einer Zeit wegbrechender Stadteinnahmen nur verantwortet werden, wenn Konzeption und Umsetzung stimmig und über jeden Zweifel erhaben sind.

Schon konzeptionell ist aber mit dem Abstieg der HSG erst einmal Potts „Emslandarena“ erledigt.  Sie hätte die HSG als „Hometeam“ benötigt, um wirklich das Leuchtturm-Projekt zu sein, dass sie sein sollte.

Städtebaulich ist sie mit der von OB Pott durchgesetzten Verlagerung aus dem Stadtzentrum an den Stadtrand ebenfalls gescheitert.  Um einen positiven Effekt auf Lingen zu haben, muss sie ins Stadtezntrum. Auch die Emslandhallen entstanden hier, weil der damalige Oberstadtdirektor Vehring immer und immer wieder die positive Wirkung einer so großen Veranstaltungshalle auf die Innenstadt unterstrich.

Nicht nur sportlich ist das Projekt abgestiegen. Auch inhaltlich ist es vom Leuchtturm zu einem schiefen, leuchtmittelfreien Bauwerk geworden.

Also:  Wer rafft sich also jetzt auf, Potts Projekt mit einem Bürgerbegehren zu stoppen?

(Foto: Leuchtturmprojekt –   Ernst Rose pixelio)


Sand

15. Februar 2009

1Bereits vor vier Monaten war die damalige HSG Nordhorn praktisch pleite. Damals pumpte die Stadt Lingen eigenes Geld (80.000 Euro)  und  Geld von eilig gewonnenen Sponsoren aus der Energiewirtschaft  in den Handball-Bundesligisten. 120 Tage später  sieht es so aus, als ob auch die neugegründete Gesellschaft für den Profihandball pleite ist. Träfe dies zu, wäre das Projekt „Hometeam“ der neu geplanten Emslandarena wohl grandios in den Sand gesetzt. Die Financial Times Deutschland schreibt zur Situation der HSG Nordhorn-Lingen heute:

Nordhorn meldet Insolvenz an – Glandorf nach Lemgo

Der Handball-Bundesligaclub HSG Nordhorn-Lingen wird 16. Februar Insolvenz wegen drohender Zahlungsunfähigkeit beim Amtsgericht Nordhorn anmelden. Das kündigte die HSG Sport Marketing GmbH & Co. als wirtschaftlicher Träger des EHF-Pokalsiegers an.

Der Verein soll mit einer Million Euro verschuldet sein. Zuletzt konnten die Gehälter an das Team nicht mehr gezahlt werden. «Die derzeit fehlende Liquidität machte diese Entscheidung notwendig», erklärte HSG-Geschäftsführer Berend Greven die Insolvenzanmeldung.

Nationalspieler Holger Glandorf zog bereits Konsequenzen aus der misslichen Lage. Der Rückraumspieler wechselt mit sofortiger Wirkung zum Liga-Konkurrenten TBV Lemgo, wie die Lemgoer mitteilten. Glandorf soll für den TBV bereits am 21. Februar in der Partie gegen die Rhein-Neckar Löwen auflaufen.

Sollte der nach Antrag auf Insolvenz bestellte Insolvenzverwalter die Zahlungsunfähigkeit feststellen, würde die HSG Nordhorn nach dem TuSEM Essen als zweiter Absteiger aus finanziellen Gründen feststehen. Gegen Essen war Ende November das Insolvenzverfahren eröffnet worden. «Ich bin seit Donnerstag über die dramatische Situation informiert. Sollte es sich nur um eine drohende Insolvenz handeln, wäre Nordhorn noch kein Absteiger. Erst wenn es sich um eine Insolvenz handelt, wäre der Verein automatisch Absteiger», sagte Frank Bohmann, Geschäftsführer des Liga-Verbandes HBL.

Obwohl nach eigenen Angaben die Rückrunde finanziell nicht gesichert ist, will der Verein den Spiel- und Geschäftsbetrieb so weit wie möglich fortsetzen. Die im Herbst gegründete HSG Nordhorn- Lingen GmbH will dazu alle Möglichkeiten des Insolvenzrechts nutzen. «Wir hoffen, dass ein Insolvenzverfahren gegen die HSG Sport Marketing GmbH & Co. KG nicht eröffnet werden muss und wir dadurch die Lizenz für die Bundesliga erhalten können», erklärte Gerhard Blömers als Geschäftsführer der neuen GmbH die nächsten Schritte. «Andernfalls werden wir für die 2. Liga melden», fügte er hinzu.

Oberbürgermeister Heiner Pott wird auf der Internetseite des Noch-Handball-Bundesligisten am Samstag so zitiert: „Ich stehe nach wie vor zu dem Schulterschluss. Die Bündelung der Wirtschaftskraft der Regionen Nordhorn und Lingen ist richtig. Ich bin optimistisch, langfristig in der neuen Emslandarena Bundesligahandball mit der HSG Nordhorn-Lingen zu erleben“ bekräftigte er. Diese Durchhalteparole dürfte nicht reichen. Oberbürgermeister Heiner Pott ist uns eine Erklärung schuldig, warum er seinerzeit die wirtschaftliche Situation des Projekts so falsch eingeschätzt hat. Und die damals beauftragten Wirtschaftsprüfer auch.

Handewitt

28. Dezember 2008

Kann es sein, dass die Rettungsaktion der Stadt Lingen für den -man sagt dann immer- „angeschlagenen“ Handball-Bundesligisten HSG Nordhorn ein bisschen in den Sand gesetzt ist- so „pr-mäßig“, meine ich? Sie erinnern sich: Auf den Hilferuf aus der benachbarten Grafschaft hatte OB Pott kommunale und Sponsorengelder über mehrere Hunderttausend Euro locker gemacht. Das wurde dann allseits als gelungener PR-Coup gefeiert. Deshalb und seither heißt die HSG nun HSG Nordhorn-Lingen, aber das schreibt bundesweit keiner. -Lingen fällt stets unter den Redaktionstisch.  

Nur Sportredakteur Richard Schimmöller, der von Meppen aus den Emslandsport redaktionell regelt, muss jetzt immer über  “Nordhorn-Lingen“ schreiben und kostbare Zeilen opfern, die er für den SV Meppen brauchen möchte. Ansonsten heißt es bundesweit aber weiterhin HSG Nordhorn, zB

„…tz in der Spitzengruppe festigte. Die HSG Nordhorn gewann nach einer starken Schlussviertelstunde bei GWD Minden 27:23 (9:12). Die Rhein-Neckar Löwen…“ (Spiegel.de, heute)

Der erhoffte Werbeeffekt für Lingen ist also eher bescheiden, und es darf auch bezweifelt werden, dass sich daran etwas ändert, wenn die neue Emsland-Arena in zwei Jahren fertig ist, in der dann die HSG Nordhorn-Lingen als „Hometeam“ spielen soll. Also wir fühlen: Lingen ist längst kein Handewitt, dessen klangvolles Wortensemble  Flensburg-Handewitt Handballfans geradezu singen, was bei Noadhoan-Ling’ schon lautmalerisch etwas schwieriger ist. Und wir erkennen, was wir eigentlich immer schon wussten: Nordhorn-Lingen ist nicht Flensburg-Handewitt.

Allerdings gibt es bis zum ersten Spiel in der neuen Emsland-Arena  immerhin ein paar Freikarten für jedes HSG-Heimspiel, die im OB Büro abgerufen werden können. Das ist doch auch schon was, vom PR-Standpunkt betrachtet. Die bekommen seit dem Frühherbst immer die Ratsherren überreicht – so ein bisschen augenzwinkernd. Erst durch den OB persönlich, jetzt durch sein Büro. Rufen Sie doch da mal  an, ob auch für Sie eine abfällt. Dafür sind die Chancen bestimmt nicht schlecht, sollten Sie einmal in voller Länge  “HSG Nordhorn-Lingen“ in einem überregionalen Medium entdeckt haben und darauf hinweisen…