Kampfen
24. Dezember 2009
Hermann Bröring ist Landrat, und er gönnt uns (s)eine Neujahrsansprache zu Weihnachten. Nicht der kleine Versprecher („für jeden Arbeitspletz kampfen“) und andere holperige Kleinigkeiten machen seine Neujahrsansprache aus, die ich hier bei Ems-TV gesehen habe. Ich empfinde andere Defizite:
Schon in Brörings Grundsatzbeitrag im aktuellen Jahrbuch des Emsländischen Heimatbundes kommt Kultur überhaupt nicht vor, er schreibt den Begriff nur einmal in einer belanglosen Aufzählung nieder, und in seiner Neujahrsansprache verzichtet Bröring gleich ganz darauf. Er erwähnt auch nicht die von seiner Verwaltung unchristlich drangsalierten Ausländer und SGB-II-Empfänger. Seine Bildungspolitik reduziert sich auf Sprachförderung und -wirklich!- den gesellschaftlich völlig überholten Hauptschulabschluss; nichts sagt er über Chancengerechtigkeit. Den Schwerpunkt legt Bröring auf traditionelle Ökonomie, für die Bröring – wie beim gescheiterten Kohlekraftwerk Dörpen- eben alles macht und ankündigt „für jeden Arbeitspletz kampfen“ zu wollen. Kein Wort zu neuen Rahmenbedingungen, zu Klimawandel, Landschaftszersiedlung, Überalterung, Umweltproblemen – alles Fehlanzeige. Dasselbe Glaubensbekenntnis hat Landrat Bröring im erwähnten Jahrbuch-Beitrag niedergeschrieben und offenbart damit sein Dilemma: Er ist ein Politmanager – gestern erfolgreich; denn keine Frage: Offiziell 4,4 % Arbeitslosenquote im Emsland sind ein großer Erfolg. Aber der Landrat formuliert keine über das Tagesgeschäft hinausgehenden Ziele politischer Arbeit und gesellschaftlicher Entwicklungen, wiewohl dies gefordert ist. Sie fehlen ihm offenbar, obwohl sich Rahmenbedingungen wie Klima, Ökologie und Bevölkerungsentwicklung rapide und dramatisch ändern. Der „vierstreifige Ausbau“ (Bröring) der Trasse B 402 und B 213 von Holland Richtung Bremen und der Emskanal sind jedenfalls keine solchen Antworten sondern erscheinen fast als regionale Großprojekte um ihrer selbst willen.
Wann also beginnt die inhaltliche Diskussion, wohin sich das Emsland entwickeln soll? Und wer führt sie?
Nebenbei finde ich es schon bemerkenswert, dass Ems-TV die Rede bar jeder journalistische Bearbeitung und Stellungnahme als Hofberichterstattung präsentiert ohne jegliche journalistisch-kritischen Ansätze des alternativen Mediums. Da wird eine Chance nicht genutzt und ich sehe die staatslandratstragende Dienstbarmachung eines „neuen Mediums“ skeptisch. Die 1:1-Übernahme mag wirtschaftliche Gründe haben. Die Macher wollen sich offenbar nicht mit der politischen Regionalliga anlegen. Übrigens den zeitweise etwas aufmüpfigeren Ems-TV-Vorläufer “Emsland Eins“ gibt es nicht mehr. In der Gesellschaft bürgerlichen Rechts mit sechs Gesellschaftern gab es wohl Unstimmigkeiten, woraufhin die Zusammenarbeit gekündigt wurde. Das jetzige Ems-tv besteht aus Media Factory Lingen, Media Factory Meppen-Versen)(Sound + Vision)/Alfred Bakkers. Aber das nur nebenbei.
Nachtrag vom 27.12.: Man kann zu Weihnachten auch weniger Tralala als der Landrat veranstalten und das Richtige sagen. Guckst Du hier.
(Foto: Fürstbischofs Jagdschloss Clemenswerth in Sögel, Landkreis Emsland, © Andreas Depping, Pixelio.de)
Dörpen II
9. Dezember 2009
NDR vom 09.12:2009:
„Investor zieht sich zurück – Kohlekraftwerk in Dörpen steht vor dem Aus
Weil der Investor abgesprungen ist, steht das umstrittene Kohlekraftwerksprojekt im emsländischen Dörpen vor dem Aus. Der baden-württembergische Energiekonzern EnBW teilte am Mittwoch mit, wegen fehlender Möglichkeit zur Kraft-Wärme-Kopplung die Projektarbeiten nicht mehr fortsetzen zu wollen. Weil der am Ort ansässige Papierhersteller UPM Nordland bekannt gegeben hatte, keine Wärme von dem Kohlekraftwerk zu beziehen, sondern ein eigenes Gaskraftwerk bauen zu wollen, gebe es für ein Steinkohlekraftwerk in Dörpen keine Basis mehr.
Für die Bürgerinitiative „Saubere Energie“ sagte Vorsitzende Inge Stemmer, die Nachricht sei „ganz hervorragend“. Man müsse nun achtgeben, dass nicht ein anderer Investor einspringe. Der Hauptgeschäftsführer der IHK Osnabrück-Emsland, Marco Graf, zeigte sich dagegen am Mittwochabend enttäuscht. „Die Entscheidung von EnBW gegen den Bau eines Steinkohlekraftwerks am Standort Dörpen ist sowohl energiepolitisch als auch regionalwirtschaftlich bedauerlich.“
Das Kraftwerksvorhaben war in der Region heftig umstritten. Bereits bei den Vorbereitungen für den Bau hatte es Verzögerungen gegeben. Gegen den im Sommer ausgelegten Bebauungsplan wurden mehr als 8.000 Einwendungen erhoben. Auch Umweltverbände kritisierten das Kraftwerksvorhaben und drohten mit Klagen.“
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Landrat Hermann Bröring, der Dörpener Gemeindedirektor Hans Hansen sowie Bürgermeister Hartmut Schneider bedauern das „Aus“ für das umstrittene Milliardenprojekt, schreibt die EMSZEITUNG. Die Herren reden eben vom Klimaschutz nur Sonntags nach dem Hochamt. Die Bürgerinitiative Saubere Energie Dörpen freut sich jedenfalls zu Recht. Und das Weltklima auch. Chapeau, ihr erfolgreichen Bürger in Dörpen und umzu!
(Grafik: © BI Saubere Energie Dörpen)
Radeln
9. Juli 2009

Aus den heutigen Emsland-Zeitungen:
„Mehr als 100 Radbegeisterte waren gestern während einer Sonderfahrt mit dem Emsland-Express und per Fahrrad unterwegs, um die landschaftliche Schönheit der Region zu erleben. In Meppen begrüßte Landrat Hermann Bröring sie am Bahnhof und radelte von dort mit ihnen gemeinsam Richtung Schloss Clemenswerth….“
Auto wäre ja auch schlecht gewesen… (Sorry, Hermann, aber die Bemerkung musste sein)
Foto: Michael Hirschka creativ foto, pixelio
Sommerloch
5. Juli 2009
Nun ist Landrat Hermann Bröring in’s Sommerloch gebrettert. Die eigene Behörde hat ihm nach zweimaligem Zuschnellfahren ein Fahrverbot aufgedrückt. Was hätte sie auch sonst tun sollen? Und Hermann Bröring hat sich auch nicht erfolgreich gegen die Laserpistolenmessung gewehrt sondern Bußgeld wie Fahrverbot akzeptiert. Die SPD Lingen (Ems) hat’s publiziert, und Hermann Bröring reagiert reflexhaft in der ihm eigenen Weise und reitet sofort die Attacke, die Sozis hätten mit der Bekanntgabe seine Persönlichkeitsrechte verletzt. Welch’ eine Fehleinschätzung! (hier übrigens die Alternative)
Wer so wie Landrat Bröring agiert, muss eben vor allem Vorbild sein, und das war er nicht, zumal er selbst mit dem erhobenen ganz großen Zeigefinger herumläuft. Wenn man derlei erklärt, wie Hermann Bröring bei der Vorstellung der Bußgeldstatistik 2008, dann ist seine jetzige Reaktion eigentlich nur peinlich. Nebenbei und rein vorsorglich: Ich bin da, was mich betrifft, weniger empfindlich.
Noch drei Anmerkungen:
Vor Jahren gab es mal einen ziemlichen heftigen Angriff in der Lokalpresse gegen Lingens SPD-Fraktionsvorsitzenden Hajo Wiedorn, als der für zwei Minuten auf einem Behindertenparkplatz sein Auto abstellte, um im Lingener Rathaus einen Brief einzuwerfen. Im jetzigen Bericht finde ich nichts Kritisches an die Adresse des obersten Verkehrsbeamten der Region, nur die unkritische Wiedergabe der Bröring’schen Äußerungen. Jaja, dahin führt es eben, dass ein Landrat gern mal die Herausgeberschaft der Lokalzeitung anruft, wenn ihm etwas nicht passt und man als Journalist dann im vorweg genommenen Gehorsam…
Mich interessiert dann zweitens und vor allem, wie Landrat Hermann Bröring während des Fahrverbotes mobil war. Etwa mit Fahrer, also auf Steuerzahlerkosten? Das wäre dann tatsächlich ein Grund, die Rücktrittsfrage aufzuwerfen.
Und -drittens- soll heute im nordemsländischen „Wecker“, einem der Aufdeckung von Allerlei verpflichteten Anzeigenblatt, „ein großer Artikel über die Sache“ gestanden haben. Den würde ich gern lesen, aber den „Wecker“ gibt es nicht online, obwohl wir 2009 schreiben. Kann mir also bitte jemand den Artikel als pdf-Dokument zumailen?
-.-.-.
Nachtrag vom 06.07.
Hier ist der Bericht aus „Der Wecker“ (Danke für’s Zusenden in den Nordkreis!). Er enthält weitere Informationen und der letzte Satz ist sicherlich von allgemeinem Interesse.
Transrapid
25. Juni 2009
Meldung von heute: Die Transrapid-Teststrecke im Emsland hat eine „weitere Gnadenfrist“ von zehn Monaten erhalten. Dazu stecken die CDU-Mannen um Landrat Bröring 575.000 Euro emsländische Steuergelder in das gescheiterte Transrapid-Projekt, damit es denn „weltweit vermarktet“ werde. Und das Land Niedersachsen gibt denselben Betrag dazu. Und der Bund noch mal 2,1 Mio Euro extra. Die restlichen 2,25 Millionen Euro wollen die beteiligten Unternehmen tragen. Niedersachsens Wirtschaftsminister Rösler (FDP) bezeichnete den Weiterbetrieb blumig als positives Signal für den Technologiestandort Deutschland. Der FDP-Politiker betonte zugleich, dass es sich bei der zugesagten Summe um einen einmaligen Landeszuschuss handele.
Merke: Was 30 Jahre nicht geklappt hat, klappt bestimmt jetzt! Weil Hermann kommt! Allerdings muss er sich beeilen. Wenn sich bis Ende April 2010 kein Interessent für den Transrapid finde, werde die Strecke endgültig stillgelegt, heißt es. Aber Brasilien will ja eine Billigversion und dann noch die Strecke von Amsterdam nach Hamburg über Las Vegas und München und wo überall sollte schon ein Transrapid… wie war das noch, wie war das noch?
Foto: wotan47, pixelio
Debatte II
26. Oktober 2008
In der Wochenendausgabe der Frankfurter Rundschau hat der Architekt und Städtebauer Christoph Mäckler, einer der Großen seines Faches in Deutschland, Aussagen zur aktuellen Stadtentwicklung gemacht, die mich an Lingen und die weiter zunehmende Schieflage erinnern. Mäckler sagt:
In den 70er Jahren hat sich die Disziplin der Stadtplanung von der Architektur getrennt. Heute wissen wir: So geht das nicht. Stadtplanung ist ein organisatorisches Hilfsinstrument, das konkrete stadträumliche Inhalte und architektonisches Gestalten benötigt. Wir müssen Straßen und Plätze stadträumlich entwerfen, sonst entsteht keine Stadt, in der man sich wohl fühlt. Man lässt die Gestaltung der Stadt aber völlig außen vor, oder glaubt dieses Thema mit Stadtmöblierung erledigen zu können.
FR: Die Städte wachsen. Woran sollen sie sich orientieren – städtebaulich wie architektonisch?
Das Instrumentarium der Stadtplanung muss durch Städtebau, die architektonisch-städtebauliche Gestalt, ergänzt werden. Dann erst werden wir wieder gestaltete Städte haben. Und das ist genau das, was die Bevölkerung in Deutschland überall fordert. Wenn einige fordern, wir wollen unsere Altstadt wieder haben, dann ist das auch ein Hilferuf.
Der Lingener Stadtbaurat, der eine Vision davon hatte, wie die Lingener Innenstadt funktionieren und aussehen sollte, war Nikolaus Neumann. Hochbauarchitekt Neumann hat folgerichtig das Lingener Stadtbild im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts gestaltet und geprägt. Also das getan, was -zugespitzt gesagt- heute ungezügelte Werbefuzzis machen. Wirtschaftliche „Notwendigkeiten“ setzten ihm Grenzen. Aber seit seiner faktischen Abwahl sitzen auf seinem Posten, fast möchte ich sagen nur noch, Stadtplaner. Sie sehen, wie mir einmal ein Architekt zugespitzt sagte, „unsere Stadt nur von oben“. Ihnen fehlt bei den Entscheidungen zu oft das, was Mäckler fordert, Straßen und Plätze stadträumlich zu entwerfen, und daher reduzieren sie sie auf neue Straßenmöblierung, auf Magnolien-statt-Platanen und wehende Werbefahnen vor historischen Gebäuden. Der jetzige Stadtbaurat beispielsweise sagte schon früh, die Innenstadt sei zum Wohnen nicht geeignet. Vielseitige Nutzung durch bauliche Verdichtung findet nicht statt. So denkt man dann eben im Rathaus mehr über neue Einfamilienhaussiedlungen in Baccum, Biene, und Bramhar nach als über die schwierige Entwicklung und Sanierung von Innen- und Kernstadtquartieren.
Mäckler zeigt in seinem FR-Gespräch auf, was für eine lebendige Innenstadt wichtig ist:
Ich muss die Stadt insgesamt denken. In Europa ist das einfach, weil unsere Städte auf historischen Grundrissen aufgebaut sind. … Wir müssen die Innenstädte erst mal verdichten. Man muss beispielsweise den … städtischen Raum ergänzen – mit vernünftigen Läden, Wohnungen und mit einem ausgeprägten Einzelhandel. Dann wird dieser Bereich auch wieder belebt sein. Die Menschen wollen sich wohl fühlen – in ihrem städtischen Raum, wie in ihrem Wohnraum. Der städtische Platz ist das Wohnzimmer der Stadt! Dafür gibt es seit Jahrhunderten Kriterien…. Daran müssen wir uns wieder orientieren!
und er ergänzt:
Ich muss den Stadtraum gestalten, unabhängig von den unterschiedlichen Gesellschaftsschichten. Alle Menschen wollen gestaltete Räume haben. Jeder gestaltet ja auch sein privates Wohnzimmer. In der Stadt sorgt der sozialpolitische Aspekt dafür, dass diese Räume lebendig sind. Hier ist politisches Handeln gefragt. So sollten wir beispielsweise Einkaufszentren soweit wie möglich von uns fern halten und dem Einzelhandel die Chance geben, sich in der Stadt entwickeln zu können. Nehmen Sie die (erg. Frankfurter) Braubachstraße: Dort kann der Einzelhandel bestehen, weil er der Stadt Miete zahlt. In bestimmten Bereichen der Stadt sollten die Erdgeschoss-Mieten eingefroren sein. Nehmen Sie die toten spiegelverglasten Erdgeschosse der Mainzer Landstraße (erg.: in Frankfurt). Die Stadt hat diesen Straßenraum in eine sehr schöne Allee verwandelt, doch ohne Läden mit bezahlbaren Mieten wird da niemals städtisches Leben einziehen. Das Erdgeschoss eines Hauses muss als Teil der Stadt verstanden werden.
Ok,ok ! Ich lese schon Ihre skeptischen Gedanken. Richtig! Lingen ist nicht Frankfurt. Aber Mäckler sprich tnicht nur über seine Stadt sondern allgemein über die Stadt. Also übertragen wir seine Gedanken aufunser kleines Lingen und zwar für den Kernbereich an Burgstraße und Pferdemarkt. Über diese vier-fünf Hektar Innenstadt wird seit Jahrzehnten lamentiert. Der Versuch, eine Versorgermarkt-Konkurrenz zu etablieren, ist mit dem ehemaligen Coop und dem Bauernmarkt zwei Mal großartig gescheitert. Um so mehr eignet sich das Areal für einen „Neustart“, zumal sich die Probleme mit dem Umzug fast aller dort ansässigen Ärzte in die neue Medizin-Mall erheblich verstärken und er wirklich fast zur Hinterlage verkommt.
Für den notwendigen städtebaulichen Impuls muss die Stadt jetzt sorgen: Ich stelle mir Grunderwerb vor, einen (städtebaulichen?) Wettbewerb der Ideen, eine Projektgesellschaft, die die Gedanken dann auch realisiert, klare wirtschaftliche „Erdgeschoss-Strukturen“ (Mäckler) und Wohnungen. Verdichtung eben. Natürlich müssen dabei die beiden Hermänner ins Boot: Hermann Bröring, dessen Museum eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung hat, und Hermann Klaas, dem große Teile ungenutzter Flächen gehören. Am Ende eines solchen Weges muss und wird “städtisches Leben einziehen“ (noch mal Mäckler).
Um dies zu erreichen, muss die Stadt aktiv sein, gestalten wollen und die Dinge in die Hand nehmen. Das bloße Zuwarten auf die Kräfte des (Pferde-)Marktes reicht jedenfalls nicht.