Sprengstoff

29. Januar 2014

Kraftfuttermischwerk berichtet:

Die Fraktion DIE LINKE in der Hamburgischen Bürgerschaft hatte am 09.01. an den Hamburger Senat ein kleine Anfrage gestellt, in der sie wissen wollte, wie die damalige Neuordnung des Gefahrengebietes zu Stande kam und welche Erkenntnisse sich aus der damit verbundenen Datenerfassung ziehen lassen. Der Hamburger Senat hat geantwortet (PDF). Also zumindest teilweise, weil Geheimnisse und so.

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Auch interessant aber ist eine Liste, der in der Zeit vom 04.01. bis 12.01.2014 im Gefahrengebiet Hamburg durch die Polizei festgestellten Gegenstände. Na wenn sich das mal nicht gelohnt hat und die Einschränkungen von Grundrechten rechtfertigt! Der gefundene Sprengstoff, vom dem Hamburgs Innensenator Neumann noch am 11.01. sprach, taucht in dieser Liste gar nicht auf – vermutlich meinte er die Böller, aber das klingt natürlich weniger dramatisch. Was man allerdings fand: eine Haushaltsrolle in Alufolie eingewickelt, innen ein Zettel mit der Aufschrift “Peng”!

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(Kraftfuttermischwerk via Publikative)

Gefahrengebiet

4. Januar 2014

Noch so ein demokratisches Gefahrengebiet: Hamburg führt in diesem Moment (04.01.14, 6.00 Uhr) den polizeilichen Ausnahmezustand als Dauerzustand ein. Kraftfuttermischwerk berichtet dazu:

Die Polizei erklärt nach wiederholten Übergriffen auf Beamte Teile von Hamburg zum Gefahrengebiet , setzt damit einige Grundrechte außer Kraft und ermöglicht so verdachtsunabhängige Kontrollen gegen Personen.

Ganze Stadtteile unterliegen dem polizeilichen Ausnahmezustand, um Identitätsfeststellungen, Durchsuchungen, Platzverweise und Aufenthaltsverbote sowie Ingewahrsamnahnmen zu begründen.

Gefahrengebiete konstruieren einen Generalverdacht gegenüber Menschen, die sich in bestimmten Stadtteilen aufhalten. Dieser Generalverdacht richtet sich insbesondere gegen polizeilich definierte „Zielgruppen“. In den Senatsantworten auf eine Kleine Anfragen der LINKEN werden folgende „Zielgruppen“ genannt:

  • „Personen, die sich in den Grenzen des Gefahrengebiets aufhalten und vom äußeren Erscheinungsbild und/oder ihrem Verhalten der Drogenszene zugeordnet werden können“ (Drogenkonsum),
  • „16-25-Jährige in Gruppen ab drei Personen oder Personen, die alkoholisiert sind und/oder sich auffällig verhalten.“ (Jugenddevianz)
  • „Einzelpersonen, die nach polizeiliche Erfahrung der gewaltbereiten Fußballszene zuzurechnen sind oder 16-35-Jährige in Gruppen ab drei Personen“ (Fußballfans)
  • „Personen, die augenscheinlich dem linken Spektrum zuzurechnen sind“ (links-alternative Demonstrationen)

Das Gefahrengebiet definiert sich räumlich auf Teile von Hamburg Altona, St. Pauli und Sternschanze. Die Hamburger Polizei bekräftigt in einer Pressemitteilung, dass “die Kontrollen wie gewohnt mit Augenmaß durchgeführt werden und es ist nicht beabsichtigt, Anwohner oder Besucher des Vergnügungsviertels übermäßig zu belasten.”

Natürlich. Wie gewohnt. Die Zone gelte ab Samstagmorgen 6 Uhr bis auf Weiteres. Bis auf Weiteres!

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(via Zeit)

ischa Sonntag

3. November 2013

[Nur so, ischa Sonntag]

Nachlass

27. August 2013

Bildschirmfoto 2013-08-27 um 05.24.43Ein, so finde ich, bemerkenswertes Projekt, über das ich in der taz lese. Weil den Museen das Geld fehlt, kümmert sich -bereits seit 10 Jahren- das „Forum für Nachlässe“ um die Werke verstorbener Künstler aus Hamburg und Umgebung. Ich frage mich, ob es in unserem, eher weniger kulturnahen Landstrich nicht auch derlei bräuchte:

“Zum Glück war der Vermieter nicht gleichgültig. Zum Glück rief er das „Forum für Nachlässe“ an. Gora Jain und ihr Team kamen, räumten die Wohnung der verstorbenen Margrit Kahl auf und nahmen mit, was sie an Bildern, Zeichnungen, Skizzen und Notizen vorfanden: Ein künstlerischer Nachlass wurde so im vergangenen Jahr in ziemlich letzter Minute gerettet. Er wäre sonst unweigerlich auf dem Sperrmüll gelandet.
Die Hamburger verdanken Margrit Kahl die Gestaltung des Bornplatzes im Grindelviertel, wo sie im November 1988 den Grundriss der einstigen Synagoge dort in Form eines Mosaiks auf dem Boden nachlegte, 50 Jahre nachdem die Hamburger das Gotteshaus in Schutt und Asche gelegt hatten.
Nun liegt Kahls Nachlass in den Räumen des Forums für Nachlässe, das ab dem 1. September mit einer Ausstellung und einem Symposium sein zehnjähriges Bestehen feiert. Der Verein erhält und pflegt Werke von KünstlerInnen aus Hamburg und Umgebung.
Kahls Nachlass wurde aufgearbeitet…”
weiter bei der taz

Link zum “Forum für Nachlässe”

Knotenpunkt

29. Mai 2013

Spiegel online (SPON) schreibt: “Der Brand auf einem Frachter mit radioaktiver Ladung im Hamburger Hafen hat klargemacht: Atomtransporte sind in Deutschland alltäglich, abgewickelt werden sie zumeist unbemerkt von der Öffentlichkeit. Seit 1990 wurden mehr als 16.000 solcher Transporte genehmigt. Unsere interaktive Karte zeigt sie fast alle – und erklärt die Knotenpunkte des nuklearen Reisebetriebs.”

Fazit: Lingen ist in dieser überholten Technologie des 20. Jahrhunderts Spitze. Oder um noch einmal SPON zu zitieren: “Auf einer Karte visualisiert, ergeben die Routen ein Netzwerk mit deutlichen Knotenpunkten. Allen voran die Stadt Lingen im Emsland, wo Brennelemente für Atomkraftwerke hergestellt werden.”

Bei uns hat die zurzeit kurzarbeitende Advanced Nuclear Fuels (ANF) ihren Sitz, ” Tochterfirma des französischen Areva-Konzerns, des größten Nuklearunternehmens der Welt. Areva versorgt Atomkraftwerke in Deutschland, Frankreich und anderen Ländern mit Brennelementen.

Angeliefert wird in Lingen sowohl Uranhexafluorid als auch Urandioxid. Das Material stammt häufig aus Brennstofffabriken in Großbritannien, aber auch in Deutschland, den USA und anderen Ländern. Bei ANF in Lingen wird das Uran in Form von Brennstofftabletten, sogenannten Pellets, in dünne Metallrohre gefüllt. Diese Brennstäbe werden zu Brennelementen zusammengebaut. Die Fabrik in Lingen gibt es bereits seit 1979. Vom Atomausstieg ist sie nicht betroffen – sie soll weiter Futter für die strahlenden Kraftwerke liefern.” (SPON)

Für mehr klickt auf die Karte:

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Grundlage der interaktiven Karte ist die Auswertung der Kleinen Anfrage 17/11926 der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag.

Kooperation!

15. Mai 2013

WWF“Die Umweltorganisation WWF hat mit einer neuen Studie die norddeutschen Seehäfen zur Zusammenarbeit aufgefordert. Würden die norddeutschen Häfen kooperieren, statt um dieselben Containerschiffe zu konkurrieren, ergäben sich daraus wirtschaftliche Vorteile für alle, erklärte die Organisation. Weitere Vertiefungen von Elbe und Weser würden überflüssig, die Natur an den Flüssen wäre besser geschützt.

Auch für die Steuerzahler wäre die Kooperation positiv, sagte WWF-Naturschutzexpertin Beatrice Claus. Allein durch den Verzicht auf die geplanten Flussvertiefungen würden 750 Millionen Euro frei, die besser “zur Sicherung des Hafenstandorts Deutschland” investiert werden könnten.

Ursprünglich hatten es die drei Bundesländer Hamburg, Bremen und Niedersachsen auch auf eine Zusammenarbeit angelegt: Der Jade-Weser-Port in Wilhelmshaven sollte…”

[weiter auf der Internetseite der ZEIT]

Ausschreibung

14. März 2013

histrathaus2011Am Wochenende las ich, dass in Hamburg eine Brücke eingeweiht wurde. Das neue Fußgänger-Bauwerk führt, etwa 200 m lang, vom S-Bahnhof Wilhelmsburg zum Gebäude der Behörde für Umwelt und Stadtentwicklung zunächst von der Bahnhofspassage nach Westen, dann über die Trasse der S-Bahn und des ICE  und endet beim Vorplatz des BSU-Neubaus. Sie ist benannt nach Muharrem Acar (1957 – 2009), der 1971 mit 14 Jahren als türkischer Einwanderer nach Hamburg kam, die deutsche Sprache erlernte, zunächst in der Gastronomie, dann in einer Lackfabrik in Wilhelmsburg und später bei der Norddeutschen Affinerie arbeitete. Acar engagierte sich gewerkschaftlich als Betriebsrat und war ehrenamtlicher Arbeitsrichter, gründete eine Familie und nahm die deutsche Staatsbürgerschaft an. 1998 machte er sich als Einzelhändler und Marktbeschicker selbständig. Die Brücke ist nach Muharrem Acar benannt, weil er bis zu seinem plötzlichen Tod vor vier Jahren stellvertretend und beispielhaft für eine ganze Generation türkischer Einwanderer steht, die sich in Deutschland integriert und engagiert haben.

Auch architektonisch ist das Bauwerk etwas Besonderes. Zusammen mit dem ebenfalls neu gebauten Eingangsbauwerk des S-Bahnhofs Wilhelmsburg bildet es das „Tor zur IBA“, zur Internationalen Bauausstellung. Die von den Architekten Gössler Kinz Kreienbaum (Berlin/Hamburg) entworfene Brücke verhindet zwei seit rund 50 Jahren Jahren getrennte Hamburger Stadtteile und führt sie wieder zusammen. Von hier aus gelangen Anwohner und Besucher der Internationalen Bauausstellung in die Neue Mitte Wilhelmsburg. “Die Architekten beziehen die dynamische Form der Brücke, deren Brückenläufe einige Richtungswechsel vollziehen, auf die Analyse der „Bewegungsströme, welche den wichtigen Mobilitätsknotenpunkt täglichen passieren. Allein der S-Bahnhof wird von mehr als 17.000 Fahrgästen täglich frequentiert.” (BauNetz)

Als ich all dies nun am letzten Wochenende las, dachte ich an eine der zahlreichen ungelösten Fragen der Lingener Stadtplanung: Die Fuß- und Radfahrer-Verbindung vom und zum Emsauenpark in Reuschberge über den Dortmund-Ems-Kanal in das Stadtzentrum. Seit langem fürchte ich, dass dort eine provinzielle Normbrücke á la  Bundeswasserstraßenverwaltung entsteht und so die Chance vergeben wird, stadtgestalterisch etwas Einzigartiges zu bauen. Dafür spricht die Untätigkeit des scheidenden Lingener Stadtbaurats.

Heute Nachmittag beschließt der Lingener Stadtrat die Ausschreibung der Stelle des Stadtbaurats. Gelingt dadurch ein Neuanfang? Ich hoffe es; denn man muss beklagen, wie wenig innovativ und nachhaltig unser scheidender Stadtbaurat in seiner Amtszeit gearbeitet hat. Der Kommentar in der Lingener Tagespost, dass die Bilanz des jetzigen Stadtbaurats “Bilanz durchwachsen” sei, ist eigentlich geschönt. Man findet in Lingen kaum vom scheidenden Amtsinhaber entwickelte, nachhaltige Projekte aber statt dessen viel Ungelöstes und zahlreiche Baustellen.  Der Mann wusste wohl zu keiner Zeit, wie seine Stadt aussehen soll. Wohl kaum wird er nach dem Ende seiner Amtszeit am 14. Oktober noch einmal nach Lingen zurückkehren. Angekommen ist er bei uns ohnehin nicht.

(Foto: Eingerüstet: Historisches Rathaus in Lingen, Mai 2011; © Die Kivelinge)

 

Menschenrechtsfilmpreis

13. Januar 2013

Am kommenden Dienstag, 15. Januar 2013 werden in Berlin in einer langen  Nacht die Preisträgerfilme des Deutschen Menschenrechts-Filmpreises 2012 gezeigt. Mit dabei sind auch die Filmemacherinnen und Filmemacher. Die Initiatoren wollen das Thema Menschenrechte ins öffentliche Bewusstsein rücken, weil es sonst nicht selten hinter wirtschaftlichen oder anderen, vermeintlich nützlicheren Belangen zurücksteht.

Weitere Lange Nächte finden in Hamburg (23.01.), München (29.01.) und Frankfurt am Main (31.01.) statt. Der Eintritt ist frei. Weitere Informationen: www.menschenrechts-filmpreis.de.

Übrigen:
Der 2008 mit dem Deutschen Menschenrechts-Filmpreis in der Kategorie “Amateure” prämierte Film Oury Jalloh handelt vom gleichnamigen Asylbewerber aus Sierra-Leone, der am 7. Januar 2005, an Händen und Füßen gefesselt, in einer Dessauer Polizeizelle verbrannt ist. Die Umstände, die zu seinem Tod führten, sind bis heute nicht geklärt und umstritten. Einen Freispruch angeklagter Polizisten durch das Landgericht Dessau hob der 4. Strafsenat des Bundesgerichtshofs -auf den Tag genau fünf Jahre nach dem Tod Jallohs- auf (4 StR 413/09) und verwies die Strafsache an das Schwurgerichtskammer am benachbarten Landgericht in Magdeburg. Im Dezember 2012 veurteilte diese den verantwortlichen Dienstgruppenleiter der Polizei in Dessau wegen fahrlässiger Tötung von “Oury Jallow” (wie er in den Prozessdokumenten heißt) zu einer Geldstrafe.

Der kurze Film von Regisseur Simon Paetau blendet zurück und zeigt am Beispiel Oury Jalloh die prekären Lebensbedingungen von Flüchtlingen, ihre alltägliche Ausgrenzung, die Einschränkungen der Bewegungsfreiheit. Das junge unabhängige Filmteam arbeitete mit Oury Jallohs engsten Freunden. Gemeinsam wollen sie mit dem Film zeigen, wie wichtig es ist, sich für seine Rechte einzusetzen!

Zum Film hat das Entwicklungspolitisches Bildungs- und Informationszentrum e.V. – EPIZ – Berlin nun pädagogisches Material entwickelt. Es eignet sich für den Unterricht an Allgemeinbildenden Schulen ab Klasse 10, für Berufsbildende Schulen sowie für die Jugend- und Erwachsenenbildung.

Abenteuerroman

3. Oktober 2012

Vor einigen Tagen hat die Hamburger Autorenvereinigung  Gerhard Henschel den “Hannelore-Greve-Literaturpreis” überreichen. Der heute 50-Jährige Schriftsteller hat seine Jugend in Meppen verbracht und ist, nach Siegfried Lenz, Hans Pleschinski, Arno Surminski und Lea Singer, der fünfte Preisträger des mit 25.000 Euro dotierten Literaturpreises. Seinen Durchbruch feierte Henschel mit dem Briefroman «Die Liebenden». 2004 erschien mit «Kindheitsroman» die erste autobiografische Abenteuergeschichte um den Protagonisten Martin Schlosser, die Henschel mit «Jugendroman» (2009, mehr) und «Liebesroman» (2010) fortsetzte. Mit «Abenteuerroman» ist jetzt der vierte Teil der emsländischen Chronik erschienen:

Martin Schlosser wird darin erwachsen und bricht in die weite Welt zu seinen Abenteuern auf. Endlich hat er eine Freundin gefunden, und schon beginnen die zermürbenden Beziehungsdiskussionen. Es sind die frühen achtziger Jahre, Kohl wird Kanzler und Martin möchte nichts dringender, als dem emsländischen Meppen entfliehen. Dafür muss er aber erst einmal sein Abitur bestehen. Wird ihm das gelingen? Wird er sich danach wie geplant als Spülkraft in einem Hotel auf Norderney bewähren? Wird er Soldat oder doch Zivildienstleistender? Wie bekommen ihm seine Drogenexperimente? Wie wird ihm das Wohngemeinschaftsleben schmecken? Und kann er seine Beziehung durch die Zeiten retten? Martins Lebensweg führt ihn diesmal nach Brokdorf, Hamburg, Amsterdam, Osnabrück, Bielefeld, München, Venedig, Wien und Göttingen – und immer wieder zurück nach Meppen, die ihm so verhasste Kleinstadt. Hier eine winzige Kostprobe:

Gerhard Henschel
Abenteuerroman
Verlag: Hoffmann Und Campe
572 Seiten, 24,99 Euro
ISBN-13: 9783455403619
ISBN-10: 3455403611

Ich hab mein Abenteuerroman-Exemplar in der Buchhandlung Holzberg, Clubstraße 2, Lingen (Ems) erworben. (Öffnungszeiten Montag – Freitag: 9.00 – 18.30, Samstag: 9.00 – 16.00)

(Quelle)

Student Agency

18. September 2012

Bei uns weitgehend unbeachtet hat der tschechische Unternehmer  Radim Jančura (Foto re.)  im seinem Heimatland eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte geschrieben. In der 1990er Jahren hatte Jančura in Großbritannien gearbeitet, um sich das Geld für sein Studium zu verdienen, und traf dort auf viele junge Landsleute;  eine ganze Generation schien auf Reisen zu sein. Nach seiner Rückkehr in die Heimat gründete Jančura eine Vermittlung für Au-pairs, die er Student Agency nannte. Innerhalb von drei Jahren war es die größte Vermittlungsfirma weit und breit. Jančura kaufte einen alten Bus, um auch den Transport der Studenten nach Großbritannien, Frankreich und Deutschland mit anzubieten und verkaufte im Internet billige Flug-Tickets.

Der Eisenbahn Konkurrenz zu machen, daran dachte er erst später, als -wie das deutsche Magazin brandeins  weiß-, Jančura “der Kragen platzte:

Seine Student Agency hat ihr Hauptquartier im mährischen Brünn, der zweitgrößten Stadt Tschechiens. Von dort sind es 209 Kilometer nach Prag, und wenn Jančura in der Hauptstadt zu tun hatte und die Bahn nahm, kam er jedes Mal entnervt an. Es fuhren uralte Züge ohne Klimaanlage, die an manchen Bahnhöfen einfach mal eine Viertelstunde anhielten. Jančura dachte an seine Au-pair-Bus-Verbindung von Prag nach London – und nahm sich vor, es besser zu machen als die Bahn. Im Jahr 2004 orderte er acht moderne Busse, um einen Linienverkehr zwischen Prag und Brünn aufzubauen. Mehr als 300000 Euro kostet ein einziger von ihnen. Für eine Fahrkarte verlangte Radim Jancura als Einführungspreis umgerechnet zwei Euro.

Die Passagiere sollen sich so fühlen wie im Flugzeug: Stewardessen verteilten Getränke und Zeitungen sowie Kopfhörer für das Bordprogramm mit Hollywood-Filmen. Das Timing ist perfekt: Wenn gerade der Abspann kommt, rollt der Bus am Ziel ein.”

Stimmt! Noch heute freue ich mich, dass ich zufällig im Juni die ganze brandeins-Reportage gelesen habe; denn im Sommer bin ich von Liberec nach Prag gefahren. In einem dieser sauberen, modernen, schnellen, gelben, pünktlichen Busse, mit bequemen Sitzen (Foto unten) Stewardess , Kaffee und Hollywoodfilm. Die Fahrt war ausgesprochen preiswert und ein Genuss. Am Endpunkt der Fahrt in Prag-Cerny Most waren es 10 Meter bis in die bereit stehende U-Bahn.  Kurz gesagt war es das genaue Gegenteil dessen, was der öffentliche Busverkehr hierzulande zustande bringt.

Ich musste an diese Busfahrt in Tschechien denken, als die Medien jetzt berichteten, dass in Deutschland ein 75 Jahre altes Monopol zu Ende geht. Es hatte der Bahn bisher die Konkurrenz auf der Straße vom Halse gehalten. Künftig sollen also zwischen deutschen Städten auch Fernbusse fahren – als Alternative zur Bahn. Die schwarz-gelbe Koalition und die rot-grüne Opposition haben sich nach monatelangen Verhandlungen auf die Einführung eines umfassenden Fernbus-Systems geeinigt.

Zum Schutz des von den Bundesländern mitbezahlten regionalen Zugverkehrs haben die Politiker  vereinbart, dass Fahrtstrecken unter 50 Kilometern Länge und mit weniger als einer Stunde Reisezeit nicht angeboten werden dürfen. Auf Drängen der Grünen und der SPD müssen die Busse bis Ende 2019 barrierefrei sein. Neue Fernbusse müssen auch ab 2016 mindestens zwei Plätze für Rollstuhlfahrer haben. Die von der SPD geforderte gesonderte Maut für Busse wird es nicht geben. Nach entsprechenden Beschlüssen in Bundestag und Bundesrat geht es wohl schon Anfang kommenden Jahres los.

Vielleicht wagt sich Radim Jančura ja über die Grenze und tritt jetzt auch hierzulande an. Die gelben Busse der teschechischen Student Agency sind jedenfalls für mich der Maßstab. Für unsere Region wünsche ich mir unabhängig davon Verbindungen von Lingen nach Oldenburg, Osnabrück, Bremen, Hamburg  - also überall dahin, wohin man  mit der Bahn erst mit ein- oder zweimaligem Umsteigen und entsprechenden Umwegen gelangt. Die BN wird sich sicherlich kümmern.

(Quelle brandeins, Morgenpost; Foto  Radim Jančura CC Josef Petrák; Busfoto: robertsblog )

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