Debatte II
26. Oktober 2008
In der Wochenendausgabe der Frankfurter Rundschau hat der Architekt und Städtebauer Christoph Mäckler, einer der Großen seines Faches in Deutschland, Aussagen zur aktuellen Stadtentwicklung gemacht, die mich an Lingen und die weiter zunehmende Schieflage erinnern. Mäckler sagt:
In den 70er Jahren hat sich die Disziplin der Stadtplanung von der Architektur getrennt. Heute wissen wir: So geht das nicht. Stadtplanung ist ein organisatorisches Hilfsinstrument, das konkrete stadträumliche Inhalte und architektonisches Gestalten benötigt. Wir müssen Straßen und Plätze stadträumlich entwerfen, sonst entsteht keine Stadt, in der man sich wohl fühlt. Man lässt die Gestaltung der Stadt aber völlig außen vor, oder glaubt dieses Thema mit Stadtmöblierung erledigen zu können.
FR: Die Städte wachsen. Woran sollen sie sich orientieren – städtebaulich wie architektonisch?
Das Instrumentarium der Stadtplanung muss durch Städtebau, die architektonisch-städtebauliche Gestalt, ergänzt werden. Dann erst werden wir wieder gestaltete Städte haben. Und das ist genau das, was die Bevölkerung in Deutschland überall fordert. Wenn einige fordern, wir wollen unsere Altstadt wieder haben, dann ist das auch ein Hilferuf.
Der Lingener Stadtbaurat, der eine Vision davon hatte, wie die Lingener Innenstadt funktionieren und aussehen sollte, war Nikolaus Neumann. Hochbauarchitekt Neumann hat folgerichtig das Lingener Stadtbild im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts gestaltet und geprägt. Also das getan, was -zugespitzt gesagt- heute ungezügelte Werbefuzzis machen. Wirtschaftliche „Notwendigkeiten“ setzten ihm Grenzen. Aber seit seiner faktischen Abwahl sitzen auf seinem Posten, fast möchte ich sagen nur noch, Stadtplaner. Sie sehen, wie mir einmal ein Architekt zugespitzt sagte, „unsere Stadt nur von oben“. Ihnen fehlt bei den Entscheidungen zu oft das, was Mäckler fordert, Straßen und Plätze stadträumlich zu entwerfen, und daher reduzieren sie sie auf neue Straßenmöblierung, auf Magnolien-statt-Platanen und wehende Werbefahnen vor historischen Gebäuden. Der jetzige Stadtbaurat beispielsweise sagte schon früh, die Innenstadt sei zum Wohnen nicht geeignet. Vielseitige Nutzung durch bauliche Verdichtung findet nicht statt. So denkt man dann eben im Rathaus mehr über neue Einfamilienhaussiedlungen in Baccum, Biene, und Bramhar nach als über die schwierige Entwicklung und Sanierung von Innen- und Kernstadtquartieren.
Mäckler zeigt in seinem FR-Gespräch auf, was für eine lebendige Innenstadt wichtig ist:
Ich muss die Stadt insgesamt denken. In Europa ist das einfach, weil unsere Städte auf historischen Grundrissen aufgebaut sind. … Wir müssen die Innenstädte erst mal verdichten. Man muss beispielsweise den … städtischen Raum ergänzen – mit vernünftigen Läden, Wohnungen und mit einem ausgeprägten Einzelhandel. Dann wird dieser Bereich auch wieder belebt sein. Die Menschen wollen sich wohl fühlen – in ihrem städtischen Raum, wie in ihrem Wohnraum. Der städtische Platz ist das Wohnzimmer der Stadt! Dafür gibt es seit Jahrhunderten Kriterien…. Daran müssen wir uns wieder orientieren!
und er ergänzt:
Ich muss den Stadtraum gestalten, unabhängig von den unterschiedlichen Gesellschaftsschichten. Alle Menschen wollen gestaltete Räume haben. Jeder gestaltet ja auch sein privates Wohnzimmer. In der Stadt sorgt der sozialpolitische Aspekt dafür, dass diese Räume lebendig sind. Hier ist politisches Handeln gefragt. So sollten wir beispielsweise Einkaufszentren soweit wie möglich von uns fern halten und dem Einzelhandel die Chance geben, sich in der Stadt entwickeln zu können. Nehmen Sie die (erg. Frankfurter) Braubachstraße: Dort kann der Einzelhandel bestehen, weil er der Stadt Miete zahlt. In bestimmten Bereichen der Stadt sollten die Erdgeschoss-Mieten eingefroren sein. Nehmen Sie die toten spiegelverglasten Erdgeschosse der Mainzer Landstraße (erg.: in Frankfurt). Die Stadt hat diesen Straßenraum in eine sehr schöne Allee verwandelt, doch ohne Läden mit bezahlbaren Mieten wird da niemals städtisches Leben einziehen. Das Erdgeschoss eines Hauses muss als Teil der Stadt verstanden werden.
Ok,ok ! Ich lese schon Ihre skeptischen Gedanken. Richtig! Lingen ist nicht Frankfurt. Aber Mäckler sprich tnicht nur über seine Stadt sondern allgemein über die Stadt. Also übertragen wir seine Gedanken aufunser kleines Lingen und zwar für den Kernbereich an Burgstraße und Pferdemarkt. Über diese vier-fünf Hektar Innenstadt wird seit Jahrzehnten lamentiert. Der Versuch, eine Versorgermarkt-Konkurrenz zu etablieren, ist mit dem ehemaligen Coop und dem Bauernmarkt zwei Mal großartig gescheitert. Um so mehr eignet sich das Areal für einen „Neustart“, zumal sich die Probleme mit dem Umzug fast aller dort ansässigen Ärzte in die neue Medizin-Mall erheblich verstärken und er wirklich fast zur Hinterlage verkommt.
Für den notwendigen städtebaulichen Impuls muss die Stadt jetzt sorgen: Ich stelle mir Grunderwerb vor, einen (städtebaulichen?) Wettbewerb der Ideen, eine Projektgesellschaft, die die Gedanken dann auch realisiert, klare wirtschaftliche „Erdgeschoss-Strukturen“ (Mäckler) und Wohnungen. Verdichtung eben. Natürlich müssen dabei die beiden Hermänner ins Boot: Hermann Bröring, dessen Museum eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung hat, und Hermann Klaas, dem große Teile ungenutzter Flächen gehören. Am Ende eines solchen Weges muss und wird “städtisches Leben einziehen“ (noch mal Mäckler).
Um dies zu erreichen, muss die Stadt aktiv sein, gestalten wollen und die Dinge in die Hand nehmen. Das bloße Zuwarten auf die Kräfte des (Pferde-)Marktes reicht jedenfalls nicht.
Knirsch
17. August 2008
Die Maßnahme trägt den Namen „Initialprojekt“ im Rahmen der „Quartiersinitiative Niedersachsen„. Aber trotz des schillernden Wortgeklingels ist kein anderes städtisches Projekt zur Innenstadtgestaltung in den letzten 40 Jahren so versemmelt worden, wie der Auftakt der Neugestaltung der Fußgängerbereiche. Nicht einmal die peinliche „Stadtgraben(Bruchstück)promenade“ vor zehn Jahren hat das geschafft, zumal sie doch eigentlich, ehrlich gesagt, nur etwa zwanzig Straßenschilder kostete.
Jetzt aber zersägte man stadtbildprägende Platanen im zwielichtigen Morgengrauen, versenkte stattdessen Magnolien und Sträucher unfachmännisch im Grundschotter eines ungeeigneten Granitpflasters, richtete Werbebanner in der Sichtachse Marienstraße-historisches Rathaus auf, hatte kein Geld mehr für die vorgesehenen Brunnen, stellte bei den Straßenmöbeln zu kleine Mülleimerauf und eröffnete den platanenfreien Blick auf die Fassadensünde der ehem. Sparkasse. Diese Kritikpunkte kennen Sie alle; es ist aber noch nicht alles.
Gartenweg schreibt: „Pflastersteine niemals knirsch aneinanderlegen, da sonst die Kanten abplatzen und Fertigungstoleranzen nicht ausgeglichen werden können.“ 3-5 mm sind die vorgeschriebene Fugenbreite gem. DIN. Sinn ist einerseits tatsächlich der Kantenschutz, denn selbst gefasstes Pflaster kann platzen, wenn bei fehlender Fuge der Rüttler zum Verdichten darüber läuft. Zum anderen „gewährleistet die Fugenbreite von 3-5 mm, dass der Fugensand (0/2 mm) sich beim Einschlämmen auch vollfugig in die Fuge setzt und somit dem Pflaster Halt gibt. So ist ein kraftschlüssiger Verbund der gesamten Pflasterfläche gewährleistet. Komplett ohne Fuge verlegte Steine, gerade Flächen im Anfahr- oder Kurvenbereich werden nach kürzester Zeit verschoben und ergeben ein hässliche Fugenbild.“ Das ist nicht etwa meine Meinung, sondern vor allem seine.
Wer sich weiter informieren will, kann die Wörter „Pflasterstein“ und „Abplatzen“ ausgoogeln, und er erhält 757 Antworten (jedenfalls heute) -sämtlich mit denselben technischen Aussagen. Wer google nicht glaubt, kann schließlich auch in Lingen sehen, dass die technischen Regeln beim Neupflastern des Bereichs Am Markt/Burgstraße unbeachtet blieben und jetzt von den Kanten der fugenfrei „knirsch“ verlegten Klinker abplatzt, was nur abplatzen kann.
Bleibt natürlich die Frage, wer die Verantwortung dafür übernimmt, ob neu gepflastert wird, was der Spaß kostet und wer zahlt. Die Antwort auf die letzte Frage kenne ich und Sie ahnen sie, weil sie so lautet wie immer. Deshalb will ich Sie Ihnen auch ganz im Vertrauen verraten:
Sie sind es selbst, der steuerzahlende Leser dieser Zeilen.
Witz des Jahres
21. Juni 2008
Vorher
15. Mai 2008
Die Schmutzspuren sollten weg, die am Beginn der Burgstraße nach dem temperamentvoll-schönen Kivelingsfest auf dem neuen „hellen“ Granitpflaster verblieben sind. Also schrubbte eine Truppe des städtischen Bauhofes am Dienstagmorgen, was geschrubbt werden konnte. Anschließend sah das neue Pflaster wieder aus wie vorher.
Nein, nein, nicht wie vor Pfingsten, sondern wie vor dem Schrubben.
Kettensäge
28. Januar 2008
Es gibt kaum ein unangenehmeres Geräusch als das einer Kettensäge. Um 6.30 Uhr heute morgen hörte ich im Halbschlaf dieses Geräusch, es weckte mich vollends und mir wurde schlagartig klar: Unsere beauftragten „Stadtverschönerer“ sind nebenan am Werk und die Jahrzehnte alten Platanen im Bereich Burgstraße/Am Markt müssen dran glauben. Meine Frau schloss das Fenster mit den Worten: „Schrecklich! Ich kann das nicht anhören!“ Schon mittags sah sie dann: Alle zehn großkronigen Platanen sind weggesägt.
Die so entstandenen neuen Sichtachsen sind atemberaubend. Vom neuen Rathaus geht der Blick glatt durch bis zum Haus Hellmann in der Burgstraße; „Schmutz“ (Planungsamtschef Krämer; auch die folgenden „…“-Zitate in diesem Blog stammen von ihm, sofern nicht anders gekennzeichnet) produzierende Bäume stören nicht mehr den Blick vom historischen Rathaus auf das in wunderschönem Klinkerweiß gehaltene Flachdachgebäude Ceka/Douglas – korrespondierend mit der Gegenrichtung; aus der Marienstraße klebt nämlich wie ein Kaugummi in der Sichtachse auf das historische Rathaus nurmehr ein in grellem Margenta/Schwarz gehaltenes Werbeschild eines großen deutschen Telekommunikationbetreibers. Und Apotheker Martin Steinhoff kann jetzt endlich, dauerhaft von Grün unbeeinträchtigt, direkt auf die rosarot-marmorierte 60er-Jahre-Fassade mit Alu gegenüber sehen; denn künftig sollen vor dem ehem. Sparkassen-Gebäude nur ein paar Kübel mit Zierpflanzen in Reih und Glied stehen.
OB Heiner Pott hat aber immer noch von der öffentlichen Kritik nicht beeinträchtigte Prioritäten. Er suchte sich inzwischen die mit weiteren vier Platanen und dem Fabeltierbrunnen bestückte Terrasse vor der Sparkasse als nächstes Säge-Ziel aus. Dort befinde sich – so sagte er in seiner Neujahrsrede Anfang des Monats- eine „So-da“-Terrasse, also eine Terrasse, die einfach nur „so da“ sei und die deshalb (samt Platanen offenbar) weg könne. Anders sei dies bei der Lobenberg’schen Terrasse, die jetzt nach dem Café Heilemann benannt wird; denn dort sitze man unter den schönen Platanen beim Kaffeetrinken.
Kurz zur Frage von Ursache und Wirkung: Es ist nicht die Terrasse, die Probleme macht, sondern die unattraktive Nutzung der Gebäude dahinter. Die dort beherbergte Sparkasse präsentiert nun einmal bloß eine Gardinenfront, nachdem genau an dieser Stelle zwei Ladenlokale und ein Café von der Sparkasse geschluckt wurden. Und ich glaube (Hinweis für die LT-Reaktion: jetzt wird es sarkastisch), tatsächlich müssen die Platanen deshalb vor Café Heilemann bleiben, weil man doch sonst auf die auf dem Vordach in den letzten Jahren (mit Genehmigung?) aufgereihten Klimaanlagen blicken würde, die der Fassade dieses Nachkriegsbauwerks das Image einer Verkaufsausstellung von Gebrauchtanlagen geben. Man spürt es: Die „attraktive Gestaltung“ des Lingener Stadtzentrums kommt sichtlich voran.
Ich glaube inzwischen: Das alles ist vielleicht eine „zeitgemäße“ Methode, ist doch jetzt am Dortmund-Ems-Kanal nahe der Weidestraßenbrücke eine anthrazitbedachte Lavendel-Villa entstanden und stellt einen weiteren „innovativen“ Farbbeitrag zu Lingens „optimierter“ Stadtgestaltung dar.
NIKOLAUS, KOMM ZURÜCK!!!
ps Nikolaus Neumann war von ca 1972 bis ca 2000 Stadtbaurat in Lingen. Er wusste um die Bedeutung von Stadtgestaltung, und hektisches „zeitgemäßes“ Umgestalten verhinderte er daher beharrlich. Angesichts dessen, was sich jetzt ereignet, soll er nach Oldenburg geflohen sein…






Foto oben Links: © tutto62 pixelio.de
Sachlich
20. Januar 2008
Meine kleine Flugblatt-Aktion hat mächtig Aufsehen erregt. Seit dem letzten Wochenende wird in Lingen über den geplanten Platanen-Kahlschlag diskutiert. Zur Erinnerung: Nach den Plänen sollen die Innenstadt-Platanen abgeholzt werden und verschwinden, zunächst zehn, das Stadtbild prägende Platanen im Kreuzungsbereich von Burgstraße und Markt. Die Pläne des Dresdener Architekturbüros r+b machen allerdings Schluss mit allen Platanen.
„Eine Versachlichung der Diskussion um die geplante Fällung von Bäumen in der Innenstadt fordert der Stadtverband der Jungen Union (JU) Lingen (Ems). „Die teilweise heftigen Reaktionen von Teilen der Ratsopposition und einigen Bürgern scheint uns etwas zu übertrieben zu sein“, meinen die jungen Christdemokraten in einer Pressemitteilung. „Wir sollten dabei vielleicht besser auf dem Teppich bleiben!“
„Derbe Kritik erntet derweil der fraktionslose SPD-Ratsherr Robert Koop von Seiten der Jungen Union. „Dieser Mann gibt sich in Lingen allmählich der Lächerlichkeit preis. Wir warten nur noch darauf, dass sich Herr Koop an die Bäume kettet, um das Fällen zu verhindern.“ Dass die inszenierte und hochstilisierte „Koop’sche Kampagne“ mittlerweile in persönliche Angriffe und heftige Attacken gegen Oberbürgermeister Heiner Pott und Stadtbaurat Georg Lisiecki gipfele, habe der „ratsoppositionelle Einzelkämpfer“ aus „populistischem Profilierungswahn“ heraus alleine zu verantworten.“
Flugblatt I
12. Januar 2008
Ab nächste Woche werden die Jahrzehnte alten Platanen im Bereich „Burgstraße/Am Markt“ gefällt. Der zentrale Innenstadtbereich wird „neu gestaltet“. Für den Erhalt der Platanen in der Burgstraße und am Markt habe ich am Wochenende dieses Flugblatt geschrieben:
Ich bin dann mal weg!
„Die Stadt Lingen hat mich hier vor Jahrzehnten gepflanzt, und ich habe seither alles dafür getan, die nicht so gelungene Fassade des Hauses neben mir etwas zu verdecken.Im Dezember hat ein Journalist der ZEIT meine Kollegen und mich gelobt und geschrieben: „Bäume, die die Kommunen vor 30 Jahren als mickrige Stecklinge in den Boden gesetzt haben, sind groß geworden und bedecken eine Menge von dem, was früher so hässlich war.“ Natürlich ist meine Umgebung etwas in die Jahre gekommen. Man müsste sie renovieren und auch mich vielleicht etwas in Form bringen. Warum aber sägt man mich und meine Kollegen nebenan einfach ab ?
Man will mich nicht einmal ausgraben und andernorts wieder einpflanzen. Noch in diesem Monat werde ich gefällt. Warum ich weg muss, weiß eigentlich niemand. Sie etwa? Hat mit Ihnen jemand darüber gesprochen?
In Lingens Sturmstraße direkt am Rathaus stehen neuerdings Plastikpalmen und hier demnächst Betonkübel mit Magnolien und Ziergewächs. Können die mich ersetzen? Gern wäre ich für Sie noch ein bisschen geblieben und hätte Ihnen im Sommer Schatten und gute Luft gespendet. Tja, ich bin dann mal weg und komm auch nicht wieder.“
ps: Die Stadt Lingen gestaltet diesen Bereich um. Dazu werden die jahrzehntealten Platanen gefällt. Für mich und viele Lingener, mit denen ich gesprochen habe, ist dies eine unverständliche Entscheidung. Gut gemeint ist eben noch nicht gut gemacht. Robert Koop, Mitglied im Rat der Stadt Lingen (Ems). Mehr Informationen auf www.robertkoop.wordpress.com“![]()
![]()
![]()
![]()
retten 2
17. Dezember 2007
Wolfram Siebeck schreibt in seinem Jahresrückblick in der ZEIT 50/2007:
„Ich bin viel herumgereist in den letzten zwölf Monaten und habe über die Veränderung in Deutschland gestaunt. Unser Land ist deutlich schöner geworden, nämlich grüner. Bäume, die die Kommunen vor 30 Jahren als mickrige Stecklinge in den Boden gesetzt haben, sind groß geworden und bedecken eine Menge von dem, was früher so hässlich war. Wenn Ausländer uns eine irrationale Liebe zu Bäumen nachsagen, so ist das kein Wunder. Wer freute sich nicht über grünes Laubwerk, das den schlechten Geschmack der Häuslebauer verdeckt, trostlose Wohnstraßen in Flaniermeilen verwandelt und schicke Straßencafés entstehen lässt?“
In meiner Stadt wissen nicht viele, dass hier alles ganz anders wird, als Siebeck es zu recht so schätzt – jedenfalls in der Innenstadt, von Gutmeinenden als „Fußgängerzone“ tituliert. Hier wird jetzt modernisiert! Dazu werden in wenigen Wochen alle im Zentrum stehenden Platanen abgesägt und durch Betonplanzkübel mit frostempfindlichen Magnolien ersetzt.
Sie kennen Magnolien ? Das sind diese Pflanzen, die im Frühjahr längstens zwei Wochen blühen und den Rest des Jahres wie eine Mischung von ausgeblühten Rhododendren und Gummibäumen aussehen. Ergänzt wird diese angeblich „zeitgemäße“ (neues Modewort aus dem Rathaus) Stadtumgestaltung durch so genannte Laufbänder im Straßenpflaster, eine neue Möblierung (Laternen, Bänke, Mülleimer usw), neue Brunnen usw. Das alles kostet einige Millionen Euro.
Stadtbaurat Lisiecki („Wenn Sie wissen, wie man mich schreibt, wissen Sie nicht mehr, wie ich ausgesprochen werde!“) hat sinngemäß gemeint, die Lingener Innenstadt habe kein individuelles Gesicht. Das müsse jetzt um der Attraktivität willen her – eine Einschätzung, die natürlich ebenso unberechtigt wie falsch ist.Denn Lingens Zentrum hat eine in Jahrzehnten teuer
und Schritt für Schritt entstandene, individuelle und klare Struktur: das rote Pflaster aus Bockhorner Klinker. Noch vor drei Jahren wurde fein säuberlich und kunstvoll die Neue Straße im Stil der übrigen Innenstadtstraßen gepflastert. Keine andere Stadt in der Region hat ein so markant gepflastertes Zentrum.
Inzwischen gibt es sicherlich ein paar klare Schwachstellen:
- Das Bockhorner Pflaster ist an vielen Stellen schadhaft und eine ebenso teuere wie unfachmännische Reparatur vor drei Jahren hat alles nur noch schlimmer gemacht.
- Die Straßenmöbel sind in die Jahre gekommen, also die historisierenden oder modernen, immer aber dreckig wirkenden Laternen und Kandelaber, die hässlichen grünen Zweisitzerbänke, schmutzige alte kleine sowie meist angedetschte neue große Müllbehälter, Dauerwerbetafeln, werbesonnenschirme, Sandsteintröge, Fahnenmasten, und DIESE SCHRECKLICHEN PLASTIKTÖPFE IM TERRAKOTTA-IMITAT.
- Die Lookenstraße ist ein Relikt des Waschbetonzeitalters.
- Die für den Stadtkern beschlossene und fast 30 Jahre konsequent angewendete „Satzung über die Gestaltung der Werbeanlagen“ ist gerade unter dem amtierenden Baurat Lisiecki faktisch aufgegeben worden; über großzügig an den städtischen Gremien vorbei und ohne Not bewilligte Ausnahmeregelungen verliert sie zunehmend ihre stadtgestaltende Wirkung.
- Das Lichtkonzept der Hamburgerin Ulrike Brandi erinnert eher an den Ocean drive in Miami, als dass es die historischen Gegebenheiten Lingens aufnimmt. Frau Brandi ist mit ihren Lichtmodulationen eine nationale Größe, aber das historische Lingener Rathaus und Brandis Beleuchtungsstreifen passen nicht zueinander.
Auch das Verfahren war wenig überzeugend: In den städtischen Gremien hieß es zuerst, es müsse entsprechend dem Preisgericht der erste Preisträger beauftragt werden. Dann wurde den Anliegern in Versammlungen gesagt, man könne an dem preisgekrönten Konzept überhaupt nichts mehr ändern. Anschließend wurde in den Ratsgremien berichtet, die Anlieger wollten die vorgeschlagene Umgestaltung und wollten sie sogar bezahlen, deshalb dürften die Ratsgremien jetzt nichts mehr ändern.
Jetzt rollt jedenfalls die Realisierung. Dabei will eigentlich niemand, mit dem ich gesprochen habe, dass in Lingen die Platanen geköpft werden. Der Baumkahlschlag und die Umgestaltung von vier Straßen sowie des Marktes ist jedenfalls stadtgestalterisch ein Stückwerk; denn die übrigen Innenstadtstraßen bleiben Bockhorner-Klinker-Straßen. Außerdem werden wir nach der Fällaktion künftig wieder „den schlechten Geschmack der Häuslebauer“ (Siebeck) sehen und die überdimensionierte Werbeanlagen in grellen RAL-Farben weiterhin und in zunehmender Zahl bewundern dürfen. Individuell wird das Gesicht Lingens auch nicht werden. Denn Pflanzkübel und Laufbänder sind gerade bundesweit „in“. Sie entstehen in vielen deutschen Innenstädten.
Ich habe statt dessen diesen (Gesamt-)Vorschlag:
- Sorgfältige Reparatur der schadhaften Bockhorner-Klinker in den Stadtstraßen.
- Einrichtung einer Pflasterkolonne auf dem städtischen Bauhoff, die künftig die Innenstadtstraßen „in Schuss“ hält.
- Neue, zeitgemäße Straßenmöblierung „aus einem Guss“.
- Konsequente Anwendung der Satzung über die Gestaltung der Werbeanlagen im Stadtkern und Umgestaltung der Werbeanlagen am Markt mit indirekt beleuchteten Werbeanlagen aus Messing, Krieg den Werbesonnenschirmen (West, Königs Pilsener, Erdinger) und Werbeaufstellern.
- Umbau der Pflanzbeete aus Bahnschwellen am Beginn der Burgstraße.
- Umgestaltung der Lookenstraße nach dem „Bockhorner Muster“.
- Aufgabe des Lichtbandkonzepts Brandi an den historischen Gebäuden.
Ich möchte also eine sanfte und nicht nur modische Veränderung, damit die Lingener Innenstadt sich so weiter entwickelt, dass wir uns gern mit ihr identifizieren.
