Blau

27. Dezember 2011

 In das Münchener Lenbachhaus gehen alljährlich Hunderttausende Besucher, um sich Kunst anzusehen. Darunter die Blauen Pferde, die Franz Marc vor genau 100 Jahren in mehreren Varianten malte, obwohl  es “keine blauen Pferde gibt” (wie mancher Zeitgenosse Kopf schüttelnd sagte). Nahebei in Sögel wurden nun vor einem Monat 10 blaue Schafe (Ausschnitt re.) auf einem Kreisverkehrsplatz installiert, eine Arbeit des Kölner Künstlers und Blauschäfers Rainer Bonk. In Sögel und beim NDR lief dies -Franz Marc hin oder her – unter  moderne Kunst,  und mit ihr haben bekanntlich viele ihre Schwierigkeiten, vor 100 Jahren und auch jetzt.

Denn auch in Sögel begann schon direkt nach dem Aufbau große Aufregung. Dabei hatte sich der Sögeler Rat bei der Installation etwas gedacht: Das Schaf hat für den Hümmling eine besondere Bedeutung, Schafherden grasten hier schon vor Jahrhunderten.  Die Schafe stehen für ein friedliches Miteinander, ihre Farbe ist das Blau der UNESCO und der Vereinten Nationen. “Alle sind gleich, jeder ist wichtig: Dieses Motto gilt auch für Sögel”, sagte Bürgermeisterin Irmgard Welling (CDU). “Dass sich alle Bewohner in Sögel wohlfühlen, die Jungen, die Alten, die Familien, die Zugezogenen – einfach alle. Wir wollen alle da abholen, wo sie stehen und sie unterstützen, wie sie gerade in Sögel angekommen sind.”.

Diese Botschaft passte nicht zwanglos in die Köpfe besonders dumpfbackiger Zeitgenossen.  Samtgemeindebürgermeister Günter Wigbers (CDU) musste nun heute zum NDR sagen: “Ich bin traurig, dass einige die Botschaft nicht verstanden haben.”  Die Werbung für ein friedliches Miteinander wurde nämlich ausgerechnet zu Weihnachten auseinander gerissen: Unbekannte stahlen eines der 10 blauen Schafe bereits in der Nacht zu © Dendroaspis2008Heiligabend.  Am 2. Weihnachtstag wurden nachts mehrere Schafe aus ihrer Verankerung gerissen, eines wurde gestohlen und ein weiteres mit Fußtritten zerstört.

In unserem Lingen war man -lange bevor die Wassersäulen auf dem Kreisverkehrsplatz Lindenstraße wiederholt zum Gegenstand testosterongeschwängerter Zerstörungswut wurden- schlauer: Das blaue (Lingener) Pferd steht hier an der Kunst-/Halle IV auf einer Säule und wird durch Kameras der benachbarten JVA überwacht.

ps Ich weiß, liebe Kritiker, dass die kleinen blauen Pferde von Franz Marc (Foto oben re.) nicht im Lenbachhaus sondern in der Staatsgalerie Stuttgart zu sehen sind. Aber Franz Marcs Blaues Pferd aus München ist gerade auf einer Ausstellung in Moskau und da musste ich auf die (ungleich blaueren) Schwaben zurückgreifen… ;-)

27 Antworten to “Blau”

  1. Ich war richtig traurig, als ich das Heilig Abend las. Etwas mutwillig zu zerstören, mit dem sich jemand Mühe gegeben hat, an dem sich andere erfreuen, wobei sich jemand etwas gedacht hat, finde ich besonders niederträchtig und boshaft!

    • Sehr amüsant, dass sich hier offenbar jemand einen Spaß daraus macht, den Daumen permanent weiter nach unten zeigen zu lassen. Viel Vergnügen weiterhin damit…

      • kib said

        @ Frau Adam: Daumen (zumindest digitale) werden überbewertet. Klar daran zu erkennen, dass wir für inhaltlich identische Aussagen unterschiedlich bewertet werden…Sei`s drum! (und hierfür bitte den Daumen mindestens acht Mal nach unten!)
        Allen einen guten Rutsch ins Neue Jahr

  2. Buggy said

    ich vermute, dass die Zerstörer sich gar nicht so viele Gedanken darüber gemacht haben. Ich gehe von stumpfsinnigem Vandalismus aus.

  3. ulrike said

    Vielleicht waren es nur dumpfbackige Zeitgenossen,deren ästhetischer Sinn beleidigt worden war.Bei der blauen Ekelfarbe verständlich.Sozusagen Notwehr.

    • ulrike said

      Also ich war richtig traurig ,als ich über das Material dieser Jahrhundertskulpturen las : witterungsbeständige Plastik. Wer von den Dieben will sich denn solchen Schrott in den Garten stellen ? Da muß was anderes hinter stecken. Eine Verschwörung !!! Eine Revolte !!! Oder irgendjemand will darauf verweisen, daß ein sog. Künstler mit Billigabgüssen eine Menge Geld verdient hat .Furchtbar sowas !!

    • Ekelig. Jaja, dass haben die Experten 1911 zu Franz Marc auch gesagt.

      • ulrike said

        Welch ein Segen, daß der arme Franz Marc nicht mitbekommt, daß Sie seine Bilder auf eine Stufe mit blauen tausenfachkopierten Plastikschafen stellen. Seine Bilder sind wenigstens Originale.Und er muß nicht befürchten , ( wenn er noch könnte) daß diese als Deko in Gartencentern aufgestellt würden. Und seine Bilder sind toll. Und sie sind Kunst.

        • Josef Mudde van Duren said

          Kunst im öffentlichen Raum hat es offensichtlich nicht einfach im Emsland – anderswo auch nicht. Vielleicht wird sie auch nicht von allen als solche erkannt. Kontraproduktiv scheint mir der Hinweis auf das verwendete Material (ulrike). Heute werden Skulpturen nicht nur aus Stein und Holz gefertigt oder in Bronze gegossen. Zu denen, die das bedauern, gehöre ich auch. Der Blick in einen Gedankenraum ist mir jedoch wichtiger. Die Skulpturengruppe ist das Ergebnis eines Denkprozesses, der im Artikel ja offengelegt wurde. Die Zerstörer kennen die Intention des Künstlers offensichtlich nicht. Sie sahen die Schafe so, wie sie diese vorfanden: unnatürlich in der Farbgebung, alle in eine Richtung blickend, ohne Daseinsrecht an diesem Ort. Wer weiß, was sie sich noch dabei gedacht haben, wenn sie überhaupt gedacht haben.

          Kunst im öffentlichen Raum muss man ausreichend vermitteln. Ihr Daseinsrecht sollte begründet werden. Schafe in einem Museum, ja das ist Kunst, auch wenn man sie nicht versteht. Man weiß zumindest, dass man sich dazu etwas denken soll. Wenn man was von Kunstgeschichte versteht, dann kann man „Blaue Schafe“ auch noch stärker entschlüsseln. Auf einem Verkehrsplatz ist das alles schwieriger.

          Bürgermeisterin Irmgard Welling will, wie sie sagt, „alle abholen, wo sie stehen“. Vielleicht sollte sie daher eines der blauen Schafe zunächst eine Zeit lang ins Sögeler Rathaus stellen und ein gedrucktes Blatt mit Erklärungen dazu legen. Sie könnte die Besucher auch ermutigen das blaue Schaf einmal sanft zu streicheln. Kunst mit zuviel Pädagogik ist nicht gut – ohne aber auch nicht.
          Josef Mudde van Duren

  4. kib said

    Kunst & ästhetischer Sinn mal beiseite.
    Ich bin mir sehr sicher, dass man trotzdem nicht einfach etwas zerstören darf, nur weil es gerade das persönliche Geschmacksempfinden stört.

    Leute, sonst wäre u.a. –insbesondere zu Ostern & Weihnachten- gerade nachts (!) bei Oosterik die Hölle los :)

    • @kib Ich bin froh, dass Sie das geschrieben haben. Ich fragte mich schon, wieso bei meinem Kommentar 9 Daumen runter zeigen. Definitiv darf man nicht einfach zerstören, was einem nicht gefällt. Ich schrieb dazu vor einer ganzen Weile einen Leserbrief. Dabei ging es um die roten Säulen. Ob man sie mag oder nicht – ja, darüber darf man unterschiedlicher Ansicht sein. Aber doch nicht einfach zerstören. Darf ich sonst auch das Auto meines Nachbarn zerdeppern, weil mir die Farbe, das Modell, die Größe usw. nicht gefällt? Oder gar den Hut der Frau, die vor mir im Bus sitzt? Nein! Und ich hoffe, dass soviel common sense in unserer Gesellschaft herrscht.

  5. Josef Mudde van Duren said

    Ich bin mir auch absolut sicher, dass man nicht einfach etwas zerstören darf – weder mit sinnlosen Taten noch mit unbedachten Worten.
    In den Kommentaren wird Kunst bewertet: Kunst und Geld – Kunst und Ästhetik – Kunst und Material. Schützen wir Gutmenschen uns vor Vandalismus, wenn wir schreiben „mit Billigabgüsse eine Menge Geld verdienen“ – „solchen Schrott“ – „witterungsbeständige Plastik“ – „Deko im Gartencenter“ – „tausendfach kopierte Plastikschafe“? Vielleicht fühlen sich die Nachtarbeiter in ihrem Tiefensog im Nachhinein bestätigt: Die mussten entsorgt werden!
    Kunst im öffentlichen Raum, die sich vorwiegend inhaltlich artikuliert, bedarf einer sorgfältigen Vermittlung. Mit und ohne „Entartet-Stempel“, vor Vandalismus ist man nicht geschützt. Diese Erfahrung macht man anderswo auch. Seit zehn Jahren steht die Skulptur „Keilstück“ von Hagebölling in der Mindener City vor dem ehrwürdigen Dom. Differenzen der Wahrnehmung und Urteile in der Debatte sind bis heute nicht ganz ausgetragen. Da das Keilstück aus rostigem Stahl besteht und im Untergrund fest verankert ist, kann man es nicht zerstören und auch nicht wegtragen, sondern nur nachts heimlich im destruktiven Zeitvertreib bemalen und –was nicht selten geschieht – daran urinieren. Darf man nicht, und ekelhaft ist das auch.
    Josef Mudde van Duren

    • ulrike said

      Ein guter Rat : schreiben Sie bloß nix über “Gutmenschen” Sie rufen damit Dr. Frilling auf den Plan ,der, in einem übrigens lesenswerten Buch über Sprachgebrauch in der Nazizeit , Ihnen seitenweise diese Vokabel um die Ohren hauen wird. Da haben wir hier Erfahrung mit.
      Und zweitens können Sie offensichtlich nichts mit Sarkasmus und schwarzem Humor anfangen. Schade.

      Sie wollen mir doch nicht ernsthaft unterstellen, daß ich zu diesem Zerstörungswerk aufgerufen habe oder werde ?

  6. Josef Mudde van Duren said

    Den Sprachgebrauch von „Gutmenschen“ in der Nazizeit kenne ich nicht. Leihen Sie mir mal das Buch aus. Ich habe den Begriff in einem Kontext gebraucht und wollte andeuten: Die Bloger hier (also ich auch) sind vielleicht vom (naiven) Wunsch angetrieben, Vandalismus zu vereiteln. Eine Illusion, wie ich meine, weil richtiges Handeln (Ethik) und allgemeine Moral nicht linear zu verstehen sind, sondern oft Dilemmata produzieren. Das wollte ich beleuchten, um vorschnelle Urteile zu entschärfen.
    Ich unterstelle Ihnen nicht, dass Sie zu diesem Zerstörungswerk aufgerufen haben. Das können Sie nicht aus meinen Zeilen herauslesen. Ich habe geschrieben: „Vielleicht fühlen sich die Nachtarbeiter in ihrem Tiefensog im NACHHINEIN bestätigt“ – nach dem Lesen dieses Blogs mit den Kommentaren.
    Vielleicht erkennen sie nämlich auch nicht auf den ersten Blick Ihren Sarkasmus und Ihren schwarzen Humor.
    Mir tut es leid, dass ich Sie offensichtlich missverstanden habe. Mea culpa! Es liegt vielleicht daran, dass ich mit der Blogersprache mangels Anwendung noch nicht so vertraut bin. Darf ich mich mit Ihnen wieder versöhnen?
    Josef Mudde van Duren

  7. kib said

    @JmvD: Das Buch ist es ja eben nicht! Du skurrilsten Geschichten schreibt dieser Blog. Über den ersten Absatz von Ulrike hab ich herzhaft lachen müssen (Humor Bambi bitte an Ulrike).
    Ganz kurz von einem „Bloginsider” (die Gäste rücken gerade an):

    Eine Blogerin hat hier einen (quasi) unentschuldbaren „ sprachliche Faux-Pax “ platziert und in einem sinnvollen Beitrag den Begriff „Gutmensch“ benutzt.
    Ratzfatz ist selbiger Kommentatorin- unabhängig ihrer inhaltliche schlüssigen Aussagen- latent ein leicht bräunlicher Umhang übergestreift worden…

    Dass Sie dem Begriff „Gutmensch“ sprachlich nichts Verwerfliches abgewinnen (ihn nicht einmal kennen) karrikatiert die Blogdiskussion nachhaltig.

    • ulrike said

      An kib: Danke für den Bambi . Endlich versteht mich ein Mensch hier , Klasse !!

      Die Sache mit der bewußten Vokabel ist über ein Jahr her,in der Adventszeit, und mir in lebhafter Erinnerung.

      Die Diskussion über die beschädigten oder geklauten Schafe empfinde ich als überflüssig, eine Sachbeschädigung ist nicht erlaubt, so wenig wie Durchfahren an der Ampel bei Rot oder auf einem Rollstuhlfahrerparkplatz parken oder……oder…usw.

      Andererseits möchte ich meiner Dankbarkeit Ausdruck verleihen, daß das blaue Pferd vor der Kunsthalle ( tatsächlich keine Kuh,Wildschwein oder Schildkröte vorgebend ) mir einfach so als Pferd keine hehren Gedanken abverlangt,wie z. B. daß alle dabei sind oder von mir irgendwo abgeholt werden sollen.

      Denn das hätten die blauen Schafe von mir verlangt und da wäre ich irgenwie überfordert.

      Alles Gute im Neuen Jahr und bleiben Sie mir weiter so gewogen, Ihre Ulrike

  8. kib said

    @ Ulrike, ginge es nach mir, Sie hätten den Bambi! Entre nous, ich hab hier doch nix zu melden. Aus Solidarität zu Frau Adam habe ich sogar bezüglich der Runter- Daumen „bitte“ gesagt, und watt is? Nöscht!
    @RK: Dank der zeitlichen Nordung durch Ulrike hab ich mir „besagten Schriftwechsel“ erneut durchgelesen und komme immer mehr zu dem Schluss: Lass das mit den „dusseligen Däumchen“ und geh dazu über „Blog-Bambis“ zu verleihen.
    Ein erstes Jury-Mitglied drängt sich förmlich auf……

  9. Die Daumen sind weg! :-D Danke, Robert. Ich fürchtete schon, hier den Minusrekord zu bekommen. ;-)

    Dafür gebe ich schriftlich 18 Daumen nach oben für diese Aktion:

    http://www.noz.de/lokales/59820224/in-soegel-grasen-nun-vorerst-vertreter-der-echten-friedensschafe

    • Ja. musste sein. Obwohl… die JU’ler müssen sich was anderes zum Spielen suchen ;-)
      (Zusatz: Das war jetzt ironisch)

      • Ironie, Sarkasmus, schwarzer Humor – das finde ich in solchen Blogs immer schwierig. Erstens kennen wir uns ja alle kaum bis gar nicht. Wie soll man wissen, ob jemand so etwas nicht doch todernst meint? Zweitens fehlt uns hier völlig Mimik und Gestik. Ich muß gestehen, solange jemand nicht eindeutig zu erkennen gibt “Achtung: Sarkasmus” oder ein Zwinkermännchen einbaut, nehme ich die Sätze, die jemand schreibt, zunächst einmal ernst. Insofern: Ich dosiere das immer sehr vorsichtig.

        Bei konkret dieser Diskussion muß ich gestehen, hab ich am Ende eh nicht mehr geschnallt, worum es geht. Das überstieg irgendwie meinen Horizont.

        • Henk Muhammad Wilders said

          Kommentierer mit übertriebener Ironie, Sarkasmus oder schwarzem Humor sind mir zutiefst zuwider, zumal wenn sie ihre Texte nicht gebührend kennzeichen. Diesen Menschen fehlt es oft an der gebotenen Gradlinigkeit. Einfach widerlich.

  10. Tiger, T. said

    Liebe Frau Adam,

    die Daumen sind zwar weg (endlich), aber von mir bekommen Sie trotzdem noch einen ganz großen “Ehren-Daumen nach oben” verliehen! Denn Sie sprechen mir aus dem Herzen!
    Ich melde mich in diesem Blog ja nur hin und wieder zu Wort, aber wenn ich es tue, dann immer sachlich und gradlinig!
    Ironie, Satire, Sarkasmus haben hier nichts verloren, wo kämen wir da hin!?

    Nochmals Danke!

  11. Frank O. said

    WUNDERBAR GRAUENHAFT:

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