5 Euro
30. September 2010
Hartz IV und die geplante 5-Euro-”Erhöhung” waren heute Thema unter Kollegen. Eine schwierige Diskussion finde ich: Denn man muss unterscheiden zwischen „Sozialschmarotzern“ und wirklich Bedürftigen. Wer aber legt fest, wer Schmarotzer ist? Wie groß ist beispielsweise die Gefahr, der Willkür eines Fallmanagers ausgesetzt zu sein?Klar, wer Sozialleistungen erschleicht und chronisch Arbeit verweigert, dem sollte es gehörig an den Kragen gehen. Aber wie viele Hartz IV–Empfänger sind das? Ich denke mal, es sind wesentlich weniger als de Springer-Presse uns glauben macht. Wenn ich einen Beitrag sehe wie gestern Abend in Frontal 21, in der eine allein erziehende Mutter und Hartz IV –Empfängerin sagt, ihren Jungen für Klassenausflüge krank melden zu müssen, weil sie sich die Eigenbeteiligung am Ausflug schlichtweg nicht leisten kann, dann beschämt mich das.
In diesem Zusammenhang darf ich gar nicht an Guido Westerwelle denken – oder halt doch; denn dann weicht die Scham einer maßlosen Wut:
Mindestlöhne verhindern, dann vollmündig verkünden „Arbeit müsse sich wieder lohnen“ und im Zusammenhang mit Hartz IV von „spätrömischer Dekadenz“. Wer versucht, Teile der Gesellschaft so gegeneinander auszuspielen, sollte man dem nicht vielleicht mal eine gewisse Zeit seine Bezüge wegnehmen?
Ein Kommentar von kib

War der Fünf-Euro-Schein hier nicht schon mal abgebildet?Wahrscheinlich in anderem Zusammenhang.
Auch ich habe den Bericht gesehen. Ich fand fast noch schlimmer, dass die Kinder nicht zu Geburtstagen gehen konnten, weil die Mutter sich keine Geschenke leisten konnte und die Kinder nicht ohne Geschenke zu den anderen Kindern gehen sollten.
Das ist nicht nur beschämend sondern auch demütigend. Und noch demütigender ist dann für diese Menschen als “Sozialschmarotzer” hingestellt zu werden. Und das von Politikern, die mal eben den Bankern, Hoteliers und Energiekonzernen zig Milliarden (für einige Wenige) unserer Steuergelder schenken und dann bei Hartz IV sich wegen 5,00 (!!!) Euro als Wohltäter aufspielen. Was für eine Welt. Es scheint eh so zu sein, dass die “Großen” auf Kosten der “Kleinen” immer mehr profitieren
Klar, man ertappt sich (arbeite 6 Tage die Woche) auch mal dabei über die “Sozialschmarotzer” zu schimpfen, die es wohl in jeder Stadt und Gemeinde gibt. Aber diese Leute, die wirklich den Sozialstaat nur ausnutzen sind eine kleine Minderheit, die eben von der Spriger-Presse und den Politikern gerne als Beispiele angeführt werden. Und warum? Nur zum Zweck, die Hartz IV-Sätze klein zu halten, damit die arbeitende Zunft doch noch ein paar Euro mehr bekommt als die Hartzer. Und genau da liegt auch das Problem. Nicht die Hartzer bekommen zu viel Geld, sondern die arbeitende Zunft zu wenig. Es kann ja nicht sein, dass Hundertausende neben dem normalen Lohn noch Hartz IV beziehen müssen. Das System stimmt doch nicht! Meiner Meinung sind die wahren Sozialschmarotzer die Gier-Banker und Energiekonzerne!!!
All diejenigen , die kein Hartz IV bekommen, wissen super darüber Bescheid, wie man/frau damit gut auskommen kann. Allen voran natürlich unsere liebste 7xMami der Nation, Ursula v. d. Leyen.
Interessantes zum neuen Regelsatz und dazu, was heutzutage ein Kind benötigt, geschrieben, kommentiert und gefilmt:
http://www.stern.de/politik/deutschland/neue-hartz-iv-saetze-was-ein-kind-kosten-darf-1608205.html
Nachsatz an Herrn Koop
Ihr spezieller Freund Westerwelle blamiert uns global, schauen Sie mal:
http://www.stern.de/politik/deutschland/guido-westerwelle-die-lustigen-pannen-eines-aussenministers-1608806.htm
Ich selbst habe auch meine eigene rührselige Geschichte und konnte meinen Kumpels keine dicken Geburtstagsgeschenke machen. Ich bin aber trotzdem hingegangen.
Als ich 13 war, ist mein Vater abgehauen. Kein Unterhalt. Meine Mutter und wir 2 Kinder lebten vom Sozialamt. Für mich und meinen Bruder war das der Auslöser, alles an immerhin kostenloser Schulbildung mitzunehmen, um später mal ein sorgloseres Leben führen zu können. Aus mir wurde damals ein fleißiger und richtig guter Schüler, der dann auch problemlos eine gute Ausbildungsstelle bekam.
Mir geht es gut. Ich arbeite hart dafür seit jetzt 15 Jahren und bei der inzwischen 2. und jetzt bald 3. Firma. Meine erste Firma hat mich vor 1,5 Jahren entlassen, weil nicht genug Aufträge kamen. Nach 3 Wochen hatte ich eine neue Stelle. Mir war 20% weniger Lohn lieber als Arbeitslosengeld in fast der selben Höhe. Mir hat die Erfahrung in meiner Schulzeit gereicht.
Seit dem 15. September war ich wieder ohne Job. Die Firma wo ich arbeite hat Pleite gemacht. Am Montag fange ich bei meiner dritten Stelle an. Sogar mit deutlich besserem Lohn. Wer was gelernt hat und arbeiten will, der findet auch Arbeit.
Ich finde die ganzen Sozialhilfeleute bekommen viel zu viel in den Hintern geschoben. Wenigstens bei denen, die eigentlich arbeiten können, müsste man die Stütze regelmäßig jeden Monat solange kürzen, bis denen die Lust zum Arbeiten wieder einfällt.
Olli, danke für Ihren Beitrag. Es freut mich sehr zu lesen, dass Sie so schnell eine neue Arbeitsstelle gefunden haben. Das ist sicherlich hauptsächlich den Tatsachen geschuldet, dass Sie sich nicht Ihrem „Schicksal“ ergeben haben und zudem frühzeitig erkannt haben, dass Bildung eine Chance ist!
Bildung, übrigens ein weiteres Kernproblem der verquerten Sozialpolitik:
Es ist ein Widerspruch der Politik in sich, gleiche Bildungschancen für alle Kinder zu fordern, aber seit Jahrzehnten die Ausgaben für das Schulwesen kontinuierlich zurückzufahren (Deutschland liegt mit seinen Ausgaben für Bildung unterhalb des Durchschnitts der OECP-Länder!).
Wird bei einem Kind eines Hartz IV –Empfängers ein Förderungsbedarf festgestellt, dann übernimmt künftig die Arbeitsagentur die Kosten hierfür. Gilt hier zu befürchten: Wer die Musik bezahlt, bestimmt was gespielt wird? Befindet also künftig ein Fallmanager, ob Förderungsbedarf besteht (hoffentlich nicht) bzw. durch wen dieser erfolgt? Kann er das fachlich beurteilen? Hat er dafür die erforderliche Zeit? Ist er frei von bundespolitischen Zwängen (vor Wahlen werden die Arbeitslosenstatistiken gern bereinigt, indem Arbeitslose verstärkt in – mitunter unsinnige- Weiterbildungsmaßnahmen geparkt werden).
Bildung gehört in kompetente Hände, und die sehe ich eindeutig im Schulsystem.
Ich befürchte, dass förderungsbedürftige Kinder von Hartz IV Empfängern künftig Opfer des Zuständigkeitsgerangels zwischen Landes- (Schulpolitik) und Bundespolitik (Bundesagenturen) werden, beiden fehlt das Geld. Damit würden sich die Möglichkeiten einer guten Schulausbildung für finanziell benachteiligte Kinder künftig verschlechtern.
Ihnen viel Spaß & Erfolg im neuen Job!