schäbig
20. März 2010
Zugeben muss ich, dass mich eine bestimmte Form der Kritik trifft und deshalb empört. Da gab es im Lingener Rat am Donnerstag die Haushalt-2010-Diskussion (Ja, tatsächlich wurde debattiert!), in der ich die größte mir bekannte Geldverschwendung kritisierte, die es in nah und fern je gegeben hat: Bis zu 30 Mio Euro hat die Vernichtung der Lingener Scharnhorstkaserne gekostet und kostet sie noch. Leser dieses Blogs wissen: Schon der Abriss der Kasernengebäude hat öffentliches Vermögen im Wert von 10 – 12 Mio vernichtet, der Abbruch selbst kostet bis zu 7 Mio, die Anlage des “Emsauenparks” nach ersten Planungen bis zu 10 Mio Euro. OB Pott hat meine Kritik als “Märchenstunde” bezeichnet. Gründe hat er kaum benannt, nur den, das irgendwie auch Geld zurückfließen solle. An der Vernichtung von Vermögen, das mit Steuergeldern geschaffen war, ändert dies aber keinen Deut.
In der Debatte rief ein CDU-Mann bei meinem Beitrag dazwischen ”Das ist nur die halbe Wahrheit!”. Da hab ich dann ironisch zurückgerufen: “Das macht doch nichts. Sie wissen ja, dass es mein Beruf ist, immer die halbe Wahrheit zu sagen.” und in Richtung CDU hinzu gesetzt noch: “Aber Ihr sagt ja nicht mal die halbe Wahrheit!”. Heute zitiert die lokale Zeitung meinen Satz, dass es mein Beruf ist, immer die halbe Wahrheit zu sagen. Natürlich ohne den ironischen Zusammenhang.
Es ist ein besonderer Missgriff, eine erkennbar ironische Bemerkung ohne den ironischen Zusammenhang darzustellen, in dem sie stand. Eine solche Darstellung diffamiert und soll es auch. Das Ziel: ein fataler Eindruck in der Öffentlichkeit. Das ist schlechter, das ist schäbiger Journalismus!
Genauso schäbig ist dies: Nach Gutsherrenart bediente OB Pott einzelne Ratsherren der CDU und FDP aus Damaschke mit der Information, die Ulanenstraße werde jetzt doch in diesem Jahr (ein bisschen und in drei Monaten) ausgebaut. Und “die Presse” bekam diese Information aus Potts Verwaltung zugeschoben – natürlich vor allem das Lokalblatt “Lingener Tagespost”. SPD-Ratsherr Heinz Willigmann (Foto unten), der seit mehr als 10 Jahren für die Verkehrsentlastung Damaschkes kämpft, wurde vom OB nicht informiert. Offenbar ganz bewusst, denn vergessen kann man den Einsatz Willigmanns gar nicht. Willigmann hatte zuvor kritisiert, nach zehn Jahren könne man den Eindruck gewinnen, dass OB Pott den Ausbau der Ulanenstraße gar nicht wolle. Anschließend wurde er von Pott dann eben nicht mehr informiert. Als die SPD dies kritisierte und die Grünen ebenso, kommentierte Tagespost-Mann Thomas Pertz wie ein Kreisklassenschiedsrichter in seinem Lokalblatt, die Kritik an der einseitigen Information sei völlig überzogen. Selbst bevorzugt zu werden und sich dann über die berechtigte Kritik anderer, die extra nicht informiert werden, ereifern -auch hier schlechter, schäbiger Journalismus.
Und es ist auch schlechter Journalismus, sich für frühzeitigen Wahlkampfjubel herzugeben und keine einzige kritische Nachfrage zu stellen. Zum Beispiel hier und hier vor ein paar Tagen. Es gab in beiden Berichten nur Begeisterung und keinerlei kritische Nachfragen, was konkret mit Hilfe der Stadt im Industriepark Süd geschehen ist, um was für sozialversicherungspflichtige neue Arbeitsplätze es sich handelt (Minijobs?) und um was für neue Betriebe (Scheinselbständige?). Hier macht man sich bloß gemein mit dem, was OB Pott behauptet, und das ist nicht per sè eine gute Sache.
Einmal mehr: Die LT – das ist regelmäßig schlechter und bisweilen auch schäbiger Gefälligkeitsjournalismus.
(Fotos: Verena N., pixelio.de; © SPD Lingen)

Das unliebsame Oppositionspolitiker ausgebremst werden (Ulanenstrasse) ist nicht nur in Lingen guter Brauch. Fast zur gleichen Zeit im Deutschen Bundestag geschieht das Gleiche. Der folgende Text des amtlichen Protokolls (Abgeordneter Schwanitz) spricht für sich.
“Das erste Beispiel betrifft die Ausgabereste bei den Titeln. Wenn ich es richtig sehe, ist Ihr Ministerium das einzige gewesen, das uns bei den Haushaltsberatungen nicht die nötigen Informationen über Ausgabereste bei den einzelnen Titeln gegeben hat. Das ist deswegen besonders schmerzlich, weil in der Bereinigungssitzung durch die Kollegen aus der Koalition vier Änderungsanträge gestellt worden sind, die mit dem Hinweis auf vorhandene Ausgabereste begründet wurden. Daraus ist die Schlussfolgerung zu ziehen, dass entweder die Begründungen für diese Anträge falsch sind – das wäre Ihnen gegenüber aus Sicht der Koalition nicht fair – oder dass die Kollegen aus der Koalition über Informationen verfügen, über die die anderen Berichterstatter nicht verfügen.
Das wäre eine Informationspolitik nach Gutsherrenart, nach Parteibuch, nach Fraktionszugehörigkeit, die nicht zu akzeptieren ist. Das müsste abgestellt werden.”
Übrigens ist der hiesige Bundestagsabgeordneter Dr. Kues Staatssekretär im angesprochenen Ministerium. Hat vielleicht Kues den Lingener Bürgermeister in Sachen Transparenz trainiert. Parteifreunde sind sie immerhin.
Kasperbude
Ich fand die Lingener Tagespost heute ungeheuer unterhaltsam und habe der Stellungnahme mit Freude entgegen gesehen. Mir war klar, dass irgendwer irgendwas aus irgendwelchen Gründen aus dem Zusammenhang riss.
Der Verfasser hat das in der Überschrift aber auch ganz klar Kund getan, indem er schrieb, dass er über eine Märchenstunde berichtet. Wenn der Oberbürgermeister – ebenfalls aus dem Zusammenhang gerissen – damit zitiert wird, dass es sich ja eh nur um eine Märchenstunde handelt, muss ich sagen, dass mein Eindruck von der hiesigen Lokalpolitik an Boden gewinnt. Damit wird die Berichterstattung für mich schlüssig. Vorhang zu.
Liebe Berichterstatter der LT, ihr lest das hier ja auch: Ihr habt einen demokratischen Auftrag zu erfüllen, also tut es auch bitte! Meine Oma kann sich noch gut an eine Zeit der kritiklosen Hofberichterstattung eben hier in Lingen erinnern. Details finden sich im Stadtarchiv. So einen – sorry – Saubericht will ich nicht noch einmal sehen!
Einen guten Redakteur mag das nicht interessieren, aber auch ihr habt Abonnenten, die Nicht-Hauptfraktions-Wähler sind. Ihr habt einen Leserrückgang von über drei Prozent (allein im letzten Jahr). Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das rein demographisch bedingt ist. Ihr schreibt gerade mit ganz dünner Tinte!
Zwei Kasperbuden.
Meine Meinung !
Was will man denn von einemreinen “Propagandablatt” erwarten? Eine CDU-Hand wäscht die andere NOZ/LT-Hand! Ich würde es nicht nur schäbig sondern auch in höchstem Maße parteiisch nennen. Warum darf diese Zeitung sich noch unabhängig nennen. Es ist ja bekannt, dass sie ein reines CDU-Blatt ist!
Armes Emsland!
…und der Wahlkampf hat ja noch nicht mal richtig begonnen, oder doch?
Lieber Robert!
Da tust Du den Kreisklassenschiedsrichtern aber Unrecht! Die sind besser! Und bemühen sich wenigstens neutral zu sein. Da kann Chefredakteur Thomas Pertz sich ein Beispiel daran nehmen.
Was er da als Kommentar verzapft hat zeigt ganz klar, dass er nur Hofberichterstattung betreibt.
@ Hajo
Aber nicht jeder Kreisklassenschiedsrichter, Hajo. Deinem Nachbarn Hermann Dust wollte ich aber mit dem Vergleich nicht zu nahe treten. Denn er ist ein guter Schiedsrichter – auch in der Kreisklasse! Grüß ihn bitte entschuldigend von mir.