Provinz
26. Oktober 2008
Woran erkennt man Provinz? Natürlich an den Straßenschildern. Lingen beweist dies: Denn seit einiger Zeit platziert die Stadtverwaltung für Verkehrsteilnehmer das Schild „Museum“ im Innenstadtbereich. Huldvoll bleibt offen, welches Museum (Ja, wir haben tatsächlich vier). Museum reicht. Wir haben ein Museum. Fast wie Berlin. Dazu bitte rechts abbiegen.
ps Ich glaube, demnächst schreib ich aus demselben Anlass auch einen Blog über die Lingener “Hotelroute-Schilder“, die in der Prä-Navi-Zeit auch mal sinnvoll waren.
pps Und einen über die drei Bruchsteinrampen auf der Kreisverkehrinsel an der Lindenstraße mit gegenläufiger Grünbepflanzung. Très chic, mais trop cher. (War das jetzt richtiges Französisch?)
ppps Und American Nail-Studios mit in frischem Stahlblau angemalten……nein, nicht Fingernägeln, sondern Fensterrahmen – direkt neben dem historischen Kivelinghaus, dessen ständige Verschönerungen mich übrigens immer öfter die gute heimische (nicht diese) Luft durch die Zähne einatmen lassen…
pppps Sie glauben nicht, dass wir vier Museen haben? Stimmt. Denn es sind so gar fünf. Bei Wikipedia sind vier aufgeführt, von denen die Galerie im Theater natürlich keines ist. Bleiben also drei (Emslandmuseum, Kunsthalle mit Sammlung Harry Kramer, Theatermuseum für junge Menschen). Es fehlen aber der Gedenkort Jüdische Schule und das Kunststoff-Additiv Museum der Fa Bärlocher. Macht fünf. Das hab ich eben auch bei Wikipedia nachgetragen.
Debatte II
26. Oktober 2008
In der Wochenendausgabe der Frankfurter Rundschau hat der Architekt und Städtebauer Christoph Mäckler, einer der Großen seines Faches in Deutschland, Aussagen zur aktuellen Stadtentwicklung gemacht, die mich an Lingen und die weiter zunehmende Schieflage erinnern. Mäckler sagt:
In den 70er Jahren hat sich die Disziplin der Stadtplanung von der Architektur getrennt. Heute wissen wir: So geht das nicht. Stadtplanung ist ein organisatorisches Hilfsinstrument, das konkrete stadträumliche Inhalte und architektonisches Gestalten benötigt. Wir müssen Straßen und Plätze stadträumlich entwerfen, sonst entsteht keine Stadt, in der man sich wohl fühlt. Man lässt die Gestaltung der Stadt aber völlig außen vor, oder glaubt dieses Thema mit Stadtmöblierung erledigen zu können.
FR: Die Städte wachsen. Woran sollen sie sich orientieren – städtebaulich wie architektonisch?
Das Instrumentarium der Stadtplanung muss durch Städtebau, die architektonisch-städtebauliche Gestalt, ergänzt werden. Dann erst werden wir wieder gestaltete Städte haben. Und das ist genau das, was die Bevölkerung in Deutschland überall fordert. Wenn einige fordern, wir wollen unsere Altstadt wieder haben, dann ist das auch ein Hilferuf.
Der Lingener Stadtbaurat, der eine Vision davon hatte, wie die Lingener Innenstadt funktionieren und aussehen sollte, war Nikolaus Neumann. Hochbauarchitekt Neumann hat folgerichtig das Lingener Stadtbild im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts gestaltet und geprägt. Also das getan, was -zugespitzt gesagt- heute ungezügelte Werbefuzzis machen. Wirtschaftliche „Notwendigkeiten“ setzten ihm Grenzen. Aber seit seiner faktischen Abwahl sitzen auf seinem Posten, fast möchte ich sagen nur noch, Stadtplaner. Sie sehen, wie mir einmal ein Architekt zugespitzt sagte, „unsere Stadt nur von oben“. Ihnen fehlt bei den Entscheidungen zu oft das, was Mäckler fordert, Straßen und Plätze stadträumlich zu entwerfen, und daher reduzieren sie sie auf neue Straßenmöblierung, auf Magnolien-statt-Platanen und wehende Werbefahnen vor historischen Gebäuden. Der jetzige Stadtbaurat beispielsweise sagte schon früh, die Innenstadt sei zum Wohnen nicht geeignet. Vielseitige Nutzung durch bauliche Verdichtung findet nicht statt. So denkt man dann eben im Rathaus mehr über neue Einfamilienhaussiedlungen in Baccum, Biene, und Bramhar nach als über die schwierige Entwicklung und Sanierung von Innen- und Kernstadtquartieren.
Mäckler zeigt in seinem FR-Gespräch auf, was für eine lebendige Innenstadt wichtig ist:
Ich muss die Stadt insgesamt denken. In Europa ist das einfach, weil unsere Städte auf historischen Grundrissen aufgebaut sind. … Wir müssen die Innenstädte erst mal verdichten. Man muss beispielsweise den … städtischen Raum ergänzen – mit vernünftigen Läden, Wohnungen und mit einem ausgeprägten Einzelhandel. Dann wird dieser Bereich auch wieder belebt sein. Die Menschen wollen sich wohl fühlen – in ihrem städtischen Raum, wie in ihrem Wohnraum. Der städtische Platz ist das Wohnzimmer der Stadt! Dafür gibt es seit Jahrhunderten Kriterien…. Daran müssen wir uns wieder orientieren!
und er ergänzt:
Ich muss den Stadtraum gestalten, unabhängig von den unterschiedlichen Gesellschaftsschichten. Alle Menschen wollen gestaltete Räume haben. Jeder gestaltet ja auch sein privates Wohnzimmer. In der Stadt sorgt der sozialpolitische Aspekt dafür, dass diese Räume lebendig sind. Hier ist politisches Handeln gefragt. So sollten wir beispielsweise Einkaufszentren soweit wie möglich von uns fern halten und dem Einzelhandel die Chance geben, sich in der Stadt entwickeln zu können. Nehmen Sie die (erg. Frankfurter) Braubachstraße: Dort kann der Einzelhandel bestehen, weil er der Stadt Miete zahlt. In bestimmten Bereichen der Stadt sollten die Erdgeschoss-Mieten eingefroren sein. Nehmen Sie die toten spiegelverglasten Erdgeschosse der Mainzer Landstraße (erg.: in Frankfurt). Die Stadt hat diesen Straßenraum in eine sehr schöne Allee verwandelt, doch ohne Läden mit bezahlbaren Mieten wird da niemals städtisches Leben einziehen. Das Erdgeschoss eines Hauses muss als Teil der Stadt verstanden werden.
Ok,ok ! Ich lese schon Ihre skeptischen Gedanken. Richtig! Lingen ist nicht Frankfurt. Aber Mäckler sprich tnicht nur über seine Stadt sondern allgemein über die Stadt. Also übertragen wir seine Gedanken aufunser kleines Lingen und zwar für den Kernbereich an Burgstraße und Pferdemarkt. Über diese vier-fünf Hektar Innenstadt wird seit Jahrzehnten lamentiert. Der Versuch, eine Versorgermarkt-Konkurrenz zu etablieren, ist mit dem ehemaligen Coop und dem Bauernmarkt zwei Mal großartig gescheitert. Um so mehr eignet sich das Areal für einen „Neustart“, zumal sich die Probleme mit dem Umzug fast aller dort ansässigen Ärzte in die neue Medizin-Mall erheblich verstärken und er wirklich fast zur Hinterlage verkommt.
Für den notwendigen städtebaulichen Impuls muss die Stadt jetzt sorgen: Ich stelle mir Grunderwerb vor, einen (städtebaulichen?) Wettbewerb der Ideen, eine Projektgesellschaft, die die Gedanken dann auch realisiert, klare wirtschaftliche „Erdgeschoss-Strukturen“ (Mäckler) und Wohnungen. Verdichtung eben. Natürlich müssen dabei die beiden Hermänner ins Boot: Hermann Bröring, dessen Museum eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung hat, und Hermann Klaas, dem große Teile ungenutzter Flächen gehören. Am Ende eines solchen Weges muss und wird “städtisches Leben einziehen“ (noch mal Mäckler).
Um dies zu erreichen, muss die Stadt aktiv sein, gestalten wollen und die Dinge in die Hand nehmen. Das bloße Zuwarten auf die Kräfte des (Pferde-)Marktes reicht jedenfalls nicht.
Debatte I
25. Oktober 2008
Während sich die lokale „Alles-ist-gut-Presse“ in Jubelberichten über prosperierende Exportbetriebe ergeht und noch in jeder zweiten Sitzung des Lingener Stadtrats von unerwarteten Steuernachzahlungen berichtet wird, zeigen die Zeichen der Zeit längst in eine andere Richtung. Eldorado-Emsland geht schweren Zeiten entgegen.
Notwendig ist daher eine Debatte um den richtigen Beitrag, mit dem unsere Kommune in unsicherer Zeit der regionalen, lokalen Konjunktur zusätzlichen, örtlichen Halt geben kann. Diese Debatte ist jetzt zu führen, trotz der ernsten Erkrankung von CDU-Chef Werner Schlarmann und trotz der Schwäche von OB Heiner Pott, Konzepte zu entwickeln, Rahmen zu setzen und aktiv die Entwicklung zu gestalten; bekanntlich lässt er eher andere ihre Ideen realisieren und sie gewähren (Selbsteinschätzung Pott: „... möchte offen sein für Veränderungen, Visionen zulassen und Herausforderungen suchen, mutig und mit Herz sich bietende Chancen nutzen…“). Diese „Schönwetter-Politik“ aber ist in der heutigen Situation zu wenig.
In die richtige Richtung werden auch bereits beschlossene Maßnahmen wirken: Der FH-Umbau der Eisenbahnhallen und der Bau einer neuen Emslandhalle, zu der meines Erachtens ein Tagungs- und Hotelbereich hinzu gehört. Zusätzlich braucht die Region aber Maßnahmen, die schnell wirken, ohne den Haushaltsrahmen zu sprengen oder eine Politik auf Pump einzuleiten. Mögliche Instrumente, die mir dazu in den letzten Tagen des Nachdenkens eingefallen sind:
a) Bau von Studentenwohnungen auf dem Kasernengelände an der Gelgöskenstiege und Verzicht auf den Abbruch der Gebäude. 2,5 Mio Euro beträgt das günstigste Angebot zum Abbruch der Gebäude, die sämtlich stabil, intakt und in gutem Zustand sind. Dieses Geld kann besser in den Erhalt der Häuser gesteckt werden, um so Studentenwohnungen zu schaffen. Gleichzeitig muss endlich Oberbürgermeister Pott darüber nachdenken, wie man die Kasernen anders als mit der Abrissbrine nutzen kann. Ich habe dazu meine Vorschläge gemacht.
b) Umgestaltung der Fußgängerzonen. Der Umbau stockt, weil sich nicht alle Anlieger finanziell beteiligen wollen. Das jetzige Modell sieht eine 50%ige Beteiligung der Stadt vor, wenn die anderen 50% von den Anliegern selbst „freiwillig“ getragen werden. Also müssen die Kosten der Grundmodernisierung mit den „Zahlungsdienstverweigerern“ klassisch nach Kommunalabgabengesetz abgerechnet werden. Das wird dann für die Nichtzahler eben teurer. Aber das Projekt stockt nicht weiter. Merke: Platanen absägen geht ganz schnell, aber ist noch kein realisiertes Neukonzept.
c) Projekt Alter Pferdemarkt: 20 Jahre Lamento („Wir brauchen einen Magneten am Ende der Burgstraße“) sind genug. Daher: Gründung einer Projektgesellschaft, Erwerb oder Verfügbarmachen der Flächen, Nachverdichtung, Einfrieren der Mieten, Flächen für neue Einzelhandelsgeschäfte, Erweiterung des Museums (das nennen wir, wenn Du Landrat endlich Deine eigenartige Blockade des Projekts aufgibst, nach Deiner Pensionierung auch Hermann-Bröring-Emslandmuseum – versprochen!)
d) Modernisierung des städtischen Wohnungsbestandes durch den Eigenbetrieb „Städtische Gebäudewirtschaft“: Ziel: Bessere Wohnverhältnisse und Energieeinsparung!
e) Stadtwerke Projekt I: Die Energiepreise müssen so schnell wie möglich gesenkt werden. Sie sind an den Ölpreis gekoppelt, der seit Wochen im freien Fall ist. Jetzt müssen die hohen Preise so schnell wie möglich nach unten gehen. Die aktuelle Preisentwicklung darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass langfristig natürlich die Energiepreise wieder anziehen. Also auch:
f) Stadtwerke Projekt II: Projektstudie der Stadtwerke: Welche Voraussetzungen muss eine Erdwärme-Versorgung in der Innenstadt erfüllen? Erdwärme muss nicht wie Erdöl oder Erdgas importiert werden. Sie gibt es hierzulande. Unter uns und preiswert. Bereiten wir ihre Erschließung vor.
g) Stadtwerke Projekt III: Bau des Ems-Wasserkraftwerks Hanekenfähr
h) Aufforstungsprojekte im Maisgürtel zwischen Laxten und Thuine, bei Wachendorf und in Biene
i) Versorgung aller Lingener Gewerbegebiete und der Ortsteile mit Hochgeschwindigkeits-Kommunikationsnetzen
j) Programm Lingener Althausmodernisierung: Zweckgebundene Rahmenbürgschaft zur Zinsverbilligung von KSK- und VoBa-krediten (= lokale Kreditinstitute) für die Modernisierung von Altbauten in Lingen.
k) Zuschuss zum Kauf energiesparender Haushaltsgeräte (Waschmaschinen, Herde, Kühlschränke) für einkommenschwache Haushalte in Lingen durch die Antonie-Gasthaus-Stiftung.
l) Mehr Geld in die Kassen von Familien: Abschaffung aller Kindergartengebühren für Lingener Kinder in Lingener Kindergärten. Dies wirkt sich deutlich belastend auf den städtischen Haushalt aus, ist aber für eine kinderfreundliche Politik erforderlich.
m) Zeitlich befristete Kreditausfallbürgschaften für Lingener Betriebe, die in die Krise geraten. Das ist sicherlich eine ganz große inhaltliche Herausforderung, denn im Rathaus hat niemand den Sachverstand, die Notwendigkeit solcher anspruchsvoller Unterstützung zu beurteilen. Aber Sachverstand kann „eingekauft“ werden. Die Lingener Wirtschaftsprüfer haben diesen Sachverstand.
Die Ideen
erheben nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, politische Korrektheit oder eine neue Heilslehre. Ich meine nur, es muss jetzt debattiert, schnell entschieden und gehandelt werden. Auf eine Reaktion meiner Leser freue ich mich.
Warndatei
8. Oktober 2008
Ich muss um Verständnis bitten. Denn einmal mehr befasse ich mich mit einer allgemein-politischen Frage. Heute habe ich nämlich auf heise-online diese Meldung gelesen:
Große Koalition: Wer häufig visumpflichtige Ausländer einlädt, fällt künftig auf
Laut einem Eckpunktepapier des Koalitionsausschusses, das der tageszeitung (taz) vorliegen soll, werden zwei neue Datenbestände aufgebaut, die der Bearbeitung von Visa-Anträgen dienlich sein sollen. In einer sogenannten „Einlader-Datei“ sollen alle Personen und Organisationen erfasst werden, die für einen visumpflichtigen Ausländer bürgen. Hinzu kommt eine „Warndatei“, in der Personen erfasst werden, die einmal als Schleuser aufgefallen sind. Beide Dateien werden seit Langem von der CDU gefordert – nun soll auch Justizministerin Zypries (SPD) zugestimmt haben.
In dem Koalitionsausschuss, der am vergangenen Wochenende tagte, hat die SPD den CDU-Plänen zugestimmt, alle Deutsche auf Vorrat zu erfassen, die als „Vieleinlader“ aufgefallen sind. (weiter…)
Zitiert wird in dem Artikel der über einen Pfadfinder einladenden Pastor schwadronierende SPD-Bundestagsabgeordnete Michael Hartmann. Er gibt auf der Internetseite der SPD-Fraktion als Beruf „Regierungsangestellter“ (ja, wirklich!) an. Ich weiß zwar nicht, was das für ein Beruf ist, aber ich habe ihm trotzdem geschrieben und zwar diese E-Mail:
Guten Abend,
seit Jahrzehnten gehöre ich der SPD an. Heute Abend habe ich Ihre Aussage zu der neu CDU/SPD ausgehandelten Einlader-Kartei gelesen. Sie hat mich entsetzt und beschämt. Es ist für mich immer weniger nachvollziehbar, wie Innenpolitiker -gemeinhin Experten genannt- eine Polizeistaatsmaßnahme nach der nächsten beschließen und dann auch noch rechtfertigen. Lieber Herr Hartmann, Sie und Ihre Kollegen gefährden längst den freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat mit hektischen Beschlüssen, die der Exekutive immer mehr zügellose und unkontrollierte Macht einräumen. Das Schlimme dabei ist: Sie wissen alle, was Sie tun. Das ist nicht mehr die Partei von Willy Brandt, Horst Ehmke, Adolf Arndt, Diether Posser oder Gustav Heinemann. Die SPD, die Sie vertreten und repräsentieren, verkommt zu einem Technokratenverein, bei dem im Zweifel nicht mehr die Freiheit sondern die Unfreiheit und die Protagonisten eines zügellosen Sicherheitswahns den Ton angeben. Auf solche SPD-Vertreter kann diese Gesellschaft verzichten. Denn Schäuble und Co sind im Abbau von Bürgerrechten allemal besser als Sie, auch wenn Sie sich noch so bemühen, es ihnen gleich zu tun.
HochachtungsvollRobert Koop
ps Ich bitte um Verständnis, dass ich das vertraut-solidarische Du weglasse. Mit Ihnen möchte ich nämlich politisch ähnlich viel zu tun haben wie mit den Herren Pofalla, Seehofer & Co. Ehrlich gesagt: Gar nichts.—-