Respekt
20. August 2008
Heute hatte mich (und andere Ratskollegen) die Schepsdorfer Bürgerinitiative gegen das Industriegebiet zu einer Podiumsdiskussion in den Hubertushof eingeladen. Ich fand die Veranstaltung deshalb sehr spannend, weil in der Diskussion unter der klugen Leitung von Sabine Stüting gleich ein halbes Dutzend engagierte Frauen das Wort ergriffen und fundiert gegen ein Industriegebiet im Westen Schepsdorfs auf dem Gelände des ehem. Depots bzw. Schießplatzes im Lohner Sand argumentierten. Respekt!
Ich habe außerdem erfahren, dass auf dem alten Bundeswehrgelände eine Baumschule und eine Photovoltaikanlage entstehen sollten, die Gemeinde Wietmarschen aber ein Vorkaufsrecht in Anspruch nahm, um den entsprechenden Investor abzuwehren, und dann in allerkürzester Frist -die Rede war von nur einem Tag- die 18 Hektar große Fläche an Krämer Bau veräußerte. Unseriös!
Und dann muss natürlich auch noch an Robert Plant erinnert werden. Er ist nämlich heute 60 Jahre geworden. Der Sänger der Rockgruppe Led Zeppelin singt in dem Song „Stairway to heaven“ folgende bemerkenswerte Strophe:
„There’s a feeling I get when I look to the west
And my spirit is crying for leaving
In my thoughts I have seen rings of smoke through the trees
And the voices of those who stand looking.“
Frei übersetzt:
„Ich bekomm’ so ein Gefühl, wenn ich nach Westen schaue
Dann heult meine Seele und will weg.
In meinen Gedanken sah ich zwischen den Bäumen Ringe aus Rauch,
Und die Stimmen von denen die zuschauen.“
Mag sentimental sein, passt aber zum künftigen Schepsdorfer Blick nach Westen und den Sprüchen derjenigen, die sich arrangiert haben und nur noch labernd wegschauen.
Doch warum eigentlich so pessimistisch? Denn vor Beginn der „Stairway-to-heaven-Ballade“ bei seinem Lifekonzert sagt Robert Pane doch auch: „I think this is a song of hope!“ Eben, liebe BI, ein Lied der Hoffnung, dass angesichts des massiven Eingriffs in die Ökologie diese, im Lohner Wald nun wirklich völlig deplatzierte Betongroßmischanlage mit 20m oder 30m Höhe doch noch verhindert werden kann. Ich schenk Euch die youtube-Ballade. Bleibt mutig!
Knirsch
17. August 2008
Die Maßnahme trägt den Namen „Initialprojekt“ im Rahmen der „Quartiersinitiative Niedersachsen„. Aber trotz des schillernden Wortgeklingels ist kein anderes städtisches Projekt zur Innenstadtgestaltung in den letzten 40 Jahren so versemmelt worden, wie der Auftakt der Neugestaltung der Fußgängerbereiche. Nicht einmal die peinliche „Stadtgraben(Bruchstück)promenade“ vor zehn Jahren hat das geschafft, zumal sie doch eigentlich, ehrlich gesagt, nur etwa zwanzig Straßenschilder kostete.
Jetzt aber zersägte man stadtbildprägende Platanen im zwielichtigen Morgengrauen, versenkte stattdessen Magnolien und Sträucher unfachmännisch im Grundschotter eines ungeeigneten Granitpflasters, richtete Werbebanner in der Sichtachse Marienstraße-historisches Rathaus auf, hatte kein Geld mehr für die vorgesehenen Brunnen, stellte bei den Straßenmöbeln zu kleine Mülleimerauf und eröffnete den platanenfreien Blick auf die Fassadensünde der ehem. Sparkasse. Diese Kritikpunkte kennen Sie alle; es ist aber noch nicht alles.
Gartenweg schreibt: „Pflastersteine niemals knirsch aneinanderlegen, da sonst die Kanten abplatzen und Fertigungstoleranzen nicht ausgeglichen werden können.“ 3-5 mm sind die vorgeschriebene Fugenbreite gem. DIN. Sinn ist einerseits tatsächlich der Kantenschutz, denn selbst gefasstes Pflaster kann platzen, wenn bei fehlender Fuge der Rüttler zum Verdichten darüber läuft. Zum anderen „gewährleistet die Fugenbreite von 3-5 mm, dass der Fugensand (0/2 mm) sich beim Einschlämmen auch vollfugig in die Fuge setzt und somit dem Pflaster Halt gibt. So ist ein kraftschlüssiger Verbund der gesamten Pflasterfläche gewährleistet. Komplett ohne Fuge verlegte Steine, gerade Flächen im Anfahr- oder Kurvenbereich werden nach kürzester Zeit verschoben und ergeben ein hässliche Fugenbild.“ Das ist nicht etwa meine Meinung, sondern vor allem seine.
Wer sich weiter informieren will, kann die Wörter „Pflasterstein“ und „Abplatzen“ ausgoogeln, und er erhält 757 Antworten (jedenfalls heute) -sämtlich mit denselben technischen Aussagen. Wer google nicht glaubt, kann schließlich auch in Lingen sehen, dass die technischen Regeln beim Neupflastern des Bereichs Am Markt/Burgstraße unbeachtet blieben und jetzt von den Kanten der fugenfrei „knirsch“ verlegten Klinker abplatzt, was nur abplatzen kann.
Bleibt natürlich die Frage, wer die Verantwortung dafür übernimmt, ob neu gepflastert wird, was der Spaß kostet und wer zahlt. Die Antwort auf die letzte Frage kenne ich und Sie ahnen sie, weil sie so lautet wie immer. Deshalb will ich Sie Ihnen auch ganz im Vertrauen verraten:
Sie sind es selbst, der steuerzahlende Leser dieser Zeilen.
Selbst gezapft
11. August 2008
Am Samstag war es wieder einmal soweit. Rund ein halbes Jahr ist verstrichen und meine tägliche Lieblingszeitung „Lingener Tagespost“ hat turnusmäßig wieder den nächsten lokalregierungskritischen Artikel veröffentlicht, naja, eher einen Kommentar – sogar mit einem unvorteilhaften Bild unseres OB Heiner Pott in einer geografisch verrutschten Collage. LT-Redakteur Burkhard Müller beklagt sich wortreich. Der Lingener Stadtrat sei vor gut vier Wochen in die britische Partnerstadt Burton upon Trent gereist, und niemand wisse das. Müller in einem Aufschrei journalistischer Bedrängnis:
Bereits vor der Fahrt hatte unsere Zeitung darum gebeten, doch nach dem Besuch einmal darüber zu berichten, wie man aufgenommen wurde und was man während der vier Tage auf der Insel so erlebt hatte. Ein Kopfnicken, also ein „das machen wir dann“ – so lautete die Antwort aus dem städtischen Quartier.
Diese Verlautbarung aus dem Rathaus habe seine Zeitung nicht erreicht. Müller ist darob zornig und verzweifelt, und er beklagt sich, dass man ihm im Rathaus nicht aufgeschrieben habe, was denn in England geschehen sei.
Eine bemerkenswerte Position für einen Journalisten. Demnächst beklagt sich ein Gastwirt auch, dass der Gast sein Bier nicht selbst gezapft, ein Anwalt, dass sein Mandant die Klage nicht fertig formuliert hat, und ein Arzt will wissen, warum der Patient nicht schon selbst die Diagnose gestellt und in die Apotheke gelaufen ist.
Lieber Burkhard Müller, wie wäre es denn mit ein bisschen eigener Arbeit, etwas Recherche, mit einem Anruf bei den Kollegen der Lokalpresse in den englischen Midlands und der Bitte um Foto und Bericht oder gar mit einem LT-Begleitservice für die Ratstour? Wir erleben ja seit langem, dass unsere Lokalzeitung nur Verlautbarungsjournalismus praktiziert. Aber sich jetzt noch in einem 7-Spalter darüber zu beklagen, dass man keinen fertig geschriebenen Artikel aus dem Rathaus erhalten hat, den man dann als eigenes Produkt veröffentlich könnte – ich meine, diese Selbstentlarvung des eigenen Selbstverständnisses ist wirklich ein bisschen peinlich, nicht wahr?
Noch zwei Anmerkungen:
Erstens: Lingens englische Partnerstadt heißt seit etwa einem Jahrzehnt und mehr East Staffordshire (und nicht mehr Burton-upon-Trent, wie Burkhard Müller schreibt).
Zweitens: Ich bin nicht mitgefahren – no time, no fun. Sonst hätte ich ja BM bestimmt seine Presseerklärung geschrieben.
zuhause
10. August 2008
Nach ein paar Tagen Urlaub bin ich nach Lingen zurück. Es war wie immer: Bei der Einfahrt erwartete mich der „Kraut-und-Rüben“-Kreisverkehr an der Lindenstraße, der seit 18 Monaten vor sich hin gammelt. Offenbar kommt niemand auf die Idee, diesen Eingang in die Stadt, mit dem Besucher empfangen werden, zumindest mit ein paar Blumen zu bepflanzen und die Pflanzbeete um den Kreis herum von Unkraut und Dreck zu befreien und vielleicht auch endlich mal die Zufahrt aus dem Kreisverkehr zum benachbarten Parkplatz zu öffnen. Ein paar Meter weiter lag rechter Hand immer noch die unendliche Denkmal-Drecktankstelle an der Rosemeyer-Straße, über die auch seit Jahrzehnten nur lamentiert wird, aber nichts geschieht, obwohl es sich doch anbietet, dass die Stadtwerke dort eine Erdgastankstelle einrichten.
Am Markt war der Magnolien-Hain nebst „felsenbirnigen“ Betonkübeln weiterhin so großartig gescheitert wie vor meiner Abreise, und der Boden um die restlichen Magnolien ist immer noch aufgerissen (Motto: „Bloß keine Erde einfüllen!“), die Löcher waren aber inzwischen durch emsländisch-elegante Holzbretter abgesichert, und die von Freund Hein (wem der nichts sagt, der kann mit Blick auf die abgesägten Großplatanen auch an Hein Blöd
denken) heimgesuchte Magnolien-Pflasterfläche ist weiterhin ein Mahnmal für blinden und teueren Aktionismus.
Der heimische Kühlschrank sah dann ähnlich aus, weil der werte Nachwuchs absprachewidrig nicht eingekauft hatte. Also bin ich zum ALDI nach Altenlingen gefahren, wo es unverhofft so heftig nach Sch… stank, dass ich die freundliche Mitarbeiterin fragte, ob der Abwasserrohrbruch schon behoben sei. „An so etwas haben wir auch erst gedacht“, meinte die gute Frau. Es sei aber nichts dergleichen. Vielmehr hätten die Altenlingener Landwirte ihre Gülle auf die benachbarten Felder geschüttet.
Da war mir schlagartig klar: Der Urlaub 2008 ist vorbei. Ich bin wieder zuhause.
