Medizin-Mall

24. Oktober 2007

Es wird aller Voraussicht nach in Lingen bald eine “Medizin-Mall” geben. 30 Arztpraxen (21 davon mit “Kassenzulassung”), einiges mehr und ein Parkhaus werden am Konrad-Adenauer-Ring gegenüber vom Jugendzentrum gebaut.  

Gleich mehrere Argumente sprechen aber gegen dieses Vorhaben:Zunächst ist der Standort nicht optimal. Gespräche, eine ähnliche Konzentration im Bereich des Pferdemarktes zu schaffen und darin auch Pflegedienste zu integrieren, sind auch am Nein der beteiligten katholischen Kirche gescheitert. Diese Planung hätte den Vorteil gehabt, dort vorhandene Arztpraxen einzubeziehen. Durch die dem Vernehmen nach bevor stehende Verlagerung der Apotheke am Pferdemarkt und gleich mehrerer Arztpraxen aus dem Ärztehaus am Pferdemarkt in die neue Medizin-Mall wird sich das allgemein beklagte Strukturproblem in der Burgstraße deutlich verschärfen. Daneben werden am neuen Standort die Reste der so genannten “Stadtgrabenpromenade” den Neubau nicht überleben. Die hier noch mögliche Freilegung des historischen Stadtgrabens ist endgültig perdú. 

Dass das Projekt sozusagen hopplahopp, also ohne planerische Abwägung in einem Bebauungsplanverfahren errichtet wird, verstärkt die Kritik. Geplant sind ein massiver Baukörper mit angrenzender 150-Plätze-Parkgarage. Ein solch großer Komplex, der die bisherige Maßstäblichkeit des Quartiers sprengt, kann nur nach einem abgeschlossenen Bauleitplanverfahren verantwortet werden. Das übrigens wäre längst abgeschlossen, hätte die CDU im Jahr 2004 die – bei aller Bescheidenheit von mir angestoßene – SPD-Initiative aufgegriffen, für das ganze Quartier zwischen Kivelingstraße/Mühlentorstr/Adenauer-Ring/Zum neuen Hafen eine solche planerische Neuordnung vorzunehmen. Dann könnte auch den gestalterischen Auswüchsen des geplanten Neubaus eine Gestaltungssatzung entgegen gestellt werden. 

Was außerdem gar nicht geht: Der Neubau wird aus Steuergeldern in eheblicher Höhe subventioniert. Ein Vergleich: Der Quadratmeterpreis für die voll erschlossene Fläche liegt 30% unter (!) dem für kommunale Wohnbaugrundstücke in Altenlingen. Das Grundstück wird halb so teuer veräußert, wie es vor einigen Jahren bezahlt worden ist. Der damals gezahlte Kaufpreis war übrigens durchaus marktgerecht und nicht “überteuert”, wie die, einmal mehr beflissene LT zu behaupten wusste. 6000 qm in bester Innenstadtlage werden jetzt mit 600.000 Euro Preisnachlass subventioniert. Das mag man tun, wenn man dies politisch für richtig hält. Nicht nur ich habe allerdings mehr als Zweifel, ob diese kommunale Wettbewerbsverzerrung in der lokalen Gesundheitsbranche wirtschaftlich sinnvoll und rechtlich in Ordnung ist. Wenn sich ein Konkurrent bei der richtigen Stelle beschwert, dürfte es jedenfalls für die Investoren ein finanzielles Problem geben. In jedem Fall aber muss das Grundstück zum Verkehswert veräußert und die geleistete Subvention offenim städtischen Haushalt ausgewiesen werden, bevor sie gegengerechnet wird. Das traut sich die Ratsmehrheit nicht.

Medizinisch bedeutet das Projekt das Ende des bestehenden Ärzte-Netzwerks in Lingen, und es bedroht die bevor stehende Praxis-Konzentration vor allem die Fachärzte außerhalb des Stadtzentrums. Es wundert mich daher, dass vor allem die Ratsvertreter aus den Ortsteilen so kritiklos das Projekt unterstützen. 

Ach ja, eine ganze Reihe von Medizinern beteiligt sich an dem Vorhaben nur deshalb, weil man ihnen sozusagen die Pistole auf die Brust setzte. Sinngemäß hieß es: “Du kannst mitmachen, wenn nicht, nehmen wir einen anderen und Du bekommst Konkurrenz.” Falsch ist allerdings die Behauptung, ohne ein Ja würde die Medizin-Mall “in Nordhorn” oder gar “in Meppen” entstehen; das nämlich scheitert schon an der erforderlichen Zulassung als Vertragsarzt der Krankenkassen, den 21 von 30 Ärzte für die Mall nur für den Bereich Lingen haben. Ob die Information zutrifft, dass per Saldo auch gar keine neuen Arbeitsplätze geschaffen werden, sondern viele wegfallen, kann ich nicht beurteilen. 

Das Vorhaben ist also insgesamt fragwürdig. Ich kann ihm für Lingen nicht viel Positives abgewinnen.

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