Premiere

4. Januar 2007

Heute gehen zwei Wochen seit der Ratssitzung vom 21. Dezember zu Ende, und es gilt eine Premiere zu feiern. Über die Ratssitzung hat die „Lingener Tagespost„, einzige lokale Tageszeitung, nämlich bisher nicht berichtet. Das ist neu. Bisher hatte die „LT„, seitdem sie in Lingen erscheint, über jede Zusammenkunft der gewählten Vertreter der Lingener Bevölkerung einen, zwei, drei Tage später berichtet. Diesmal, rund 60 Jahre nach dem ersten Erscheinen ihres Vorgängers „Neue Tagespost“ in Osnabrück -übrigens einer CDU-Lizenzzeitung- nicht. Während sie ihre Leserschaft, wie es scheint, über jedes weihnachtliche Vereinstreffen, jeden neuen gesponserten Trikotsatz und alle Spendensammlungen (heute ganz bedeutsam: Gesellschaftsspiele für Grundschulklassen in Bawinkel) ausführlich und vor allem mit Farbfoto in Kenntnis gesetzt hat, ist die politische Diskussion und Entscheidungsfindung in der Stadt unter den Redaktionstisch gefallen und für die lokale Zeitung offenbar nicht mehr interessant.
Da fällt es dann kaum mehr auf, dass auch der traditionelle Sportrückblick des Jahres (es gibt, was allzu oft in der Lokalpresse verschwiegen wird, tatsächlich Emsland-Sport jenseits des SV Meppen) und die Jahresbilanz der einzelnen Gemeinden im südlichen Emsland zugunsten der neuen, vorgeblich flotten Präsentation von Regenbogen-Belanglosigkeiten gestrichen sind.
Aufgrund ihres großen Einflusses in modernen Demokratien werden die Medien oft als vierte Gewalt bezeichnet. Sie können die „Staatsgewalt“ kontrollieren und unterliegen keiner staatlicher Kontrolle, vor allem keiner Zensur. Aber sie sind den wirtschaftlichen und politischen Interessen der Verleger und intern ihren Vorgaben unterworfen. Die im 18. und 19. Jahrhundert errungene Pressefreiheit ist ein wichtiger Baustein unserer Gesellschaft. Sie endet, wie es bei Wikipedia heißt, mit der Selbstzerstörung durch fortschreitende Pressekonzentration, um sich greifenden Renditedruck in den Medienhäusern und Druck in den Redaktionen.
Wer wie die LT informierende Berichte zugunsten bunter Bilder und flachbrüstiger Geschichtchen hintanstellt, höhlt die Pressefreiheit aus. Wer über wesentliche Dinge im öffentlichen Leben in Lingen erst gar nicht mehr berichtet, kann es auch nicht kontrollieren. Er erweist damit der Demokratie und sich selbst keinen Dienst.
Ach ja: Die Sitzung des Rates am 21. Dezember war übrigens eine lebhafte, diskussionsfreudige Zusammenkunft – wie seit langem nicht mehr. Vielleicht kommt ja doch noch ein Artikelchen…

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